Die Mutigeren, in anderen Fällen erst die Söhne, wagten sich auch schon in die volle Unabhängigkeit und ergriffen Berufe als Leineweber, als Schuster, Bäcker oder als Branntweinbrenner. Johannes Christ am Bodensee wurde Winzer. Einer in Unterelchingen bei Ulm kaufte sich, nachdem er zuvor mit einer Gastwirtschaft gescheitert war, eine Bauernsölde. In Würzburg eröffnete der gebürtige Türke Nikolaus Strauß 1697 das erste Kaffeehaus.

Wie bewegend sich das Schicksal aber auch runden konnte, beweist Anna Maria Christmann, Tochter eines 1695 zu Gingen an der Fils konvertierten Muslims. Hoffnungslos verarmt, legte sie schließlich Männerkleider an und ließ sich als Soldat anwerben; 1715/17 kämpfte sie vor Peterwardein und Belgrad. Nach glücklicher Rückkehr wurde sie Briefbotin in Stuttgart. Die Radikalität des religiösen Bruches verspüren wir am stärksten bei jenem Täufling, der hernach sein Leben als Pater Josephus im Hildesheimer Kartäuserkloster fortsetzte.

So könnte man noch viele deutsch-türkische Geschichten erzählen. Geschichten, die zum Teil unglaublich klingen. Doch die meisten von ihnen münden, früher oder später, in ganz gewöhnliche deutsche Lebensläufe.

Als die Istanbuler Zeitschrift Aktüel vor einiger Zeit diese Forschungen über die "Beutetürken" des 16. und 17. Jahrhunderts aufgriff und dazu titelte 300-jähriges türkisches Blut in den Deutschen, übertrieb sie zwar ein bisschen sehr. Doch zu einem gewissen Quantum ist es wahr. Und mancher, der von einem solchen Vorfahren in der eigenen Familie bisher nur nichts weiß, würde vielleicht etwas anders denken – über das Verhältnis zwischen Türken und Deutschen, die türkischen Nachbarn hier und wohl auch über die Türken in Europa.

Der Autor ist Professor für Landes- und Volkskunde an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er wäre dankbar für weitere Fallbeispiele