Nach der europäischen Revolution von 1989 haben der Irak-Krieg und seine ungewohnten Allianzen die deutsch-polnischen Angelegenheiten zum zweiten Mal in wenigen Jahren kräftig durcheinander geworfen. Warschau gehört zu Donald Rumsfelds "New Europe" und übernimmt in diesen Tagen das Kommando über eine Besatzungszone im Irak. Das aus westlicher Sicht marode, ja zuweilen anarchisch anmutende Polen avanciert zu einer neuen eigenständigen Mittelmacht. Mit Betroffenheit und bisweilen offener Empörung reagierten die westeuropäischen Antikriegsparteien. Insbesondere bei den Deutschen schwingt Verunsicherung mit. Die Einsicht fällt schwer: Polen hat ein Recht auf einen eigenen, selbst bestimmten Weg, auch wenn dieser manchem Deutschen nicht passt. Damit hat die deutsche Linke ein besonderes Problem, obwohl sie, politisch korrekt, immer wieder die Bedeutung der deutsch-polnischen Beziehung betont.

Überraschend sind Vertreibung und Vertriebene noch einmal zum Thema geworden: im vergangenen Jahr durch Günter Grass’ Novelle über den Untergang des Flüchtlingsschiffs Wilhelm Gustloff, nun wieder in der Diskussion über ein Vertreibungs-Mahnmal, deutsch oder europäisch, in Berlin oder vielleicht in Breslau. Polen debattierte die polnische Schuld an der Ermordung jüdischer Mitbürger und den polnischen Antisemitismus, wie sie sich 1941 beim Massaker in Jedwabne gezeigt haben.

Aber ist das deutsche Interesse an diesen Geschichtsfragen ein Interesse an Polen? Das Land ist für uns Hauptschauplatz des Holocaust, daneben und auf kompliziertere Weise Erbe der einstigen Ostgebiete. Vor lauter historischen Lasten und Bezügen wird das moderne Polen kaum wahrgenommen. Warschau ist kosmopolitisch und durch seine internationale Funktion als Drehscheibe der ostmitteleuropäischen Märkte zu einem Tummelplatz des neuen Aufbruchs geworden. Aber mehr als zwei Drittel der Berliner waren noch nie in Polen. Es gibt gerade mal eine Hand voll Polonistik-Professuren in ganz Deutschland. Polnische Sprache und Kultur sind nicht en vogue, obwohl ebenso viele Europäer Polnisch sprechen wie Spanisch.

Selbst der historische Blick auf Polen ist einseitig. Wir kennen den Warschauer Ghettoaufstand von 1943. Aber was wissen wir vom Aufstand der Warschauer Bevölkerung gegen die deutschen Besatzer 1944? Wer in der Stadt eine Altbauwohnung sucht, bemerkt sofort den Mangel an schönen Häusern aus der Vorkriegszeit. Als in Deutschland noch nicht an Bombenkrieg zu denken war, starben im September 1939 im deutschen Bombenhagel allein in Warschau 20000 Menschen; zehn Prozent der Bausubstanz gingen verloren. Überall an den Hauswänden Tafeln, die an Massenexekutionen erinnern. Polen erlebte das Schicksal von Deportation und Vertreibung seit dem September 1939. Deutsche und sowjetische Barbarei haben das Land durch ihre Besatzungsregime ausbluten lassen. Bis zum Juli 1944 wurden 32000 Warschauer Opfer von Exekutionen, 45000 starben in deutschen Todeslagern. Im Sommer 1942 begann die Deportation von 310000 Warschauer Juden aus dem Ghetto in das KZ Treblinka, im Frühjahr 1943 gingen weitere 60000 Ghettobewohner in den grausamen Tod. Der Aufstand des Jahres 1943 war das letzte Aufbegehren der Verzweifelten gegen das Unausweichliche.

Nach der Liquidierung des Ghettos ging es weiter: 1944 versank das alte Warschau endgültig in Schutt und Asche. Der Freiheitswille der überlebenden nichtjüdischen Warschauer kostete 16000 Gefallene, 150000 bis 180000 tote Zivilisten, von denen 40000 hingerichtet wurden: Das ist die Bilanz des Aufstandes 1944. Schließlich plünderten und brandschatzten die Deutschen die Überreste der polnischen Hauptstadt, um sie dann systematisch dem Erdboden gleichzumachen. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen gibt es jedoch kaum einen polnischen Ort, der, ähnlich dem tschechischen Lidice oder dem französischen Oradour, für die polnischen Opfer steht. Dabei kamen in Warschau während des Krieges insgesamt mehr als zweimal so viele Menschen um wie in ganz Frankreich. In Polen gibt es Hunderte von Oradours und Lidices. Der Mord an unschuldigen Zivilisten war in Frankreich und Tschechien eher die Ausnahme in der deutschen Besatzungspolitik, in Polen gehörte er zum Besatzungsalltag.

Die Folgen der Mischung aus historischer Kurzsichtigkeit und aktuellem Desinteresse sind fatal. Ein neuer links-intellektueller Vorbehalt scheint dem traditionell rechts gestrickten Antipolonismus den Rang abzulaufen; man blickt auf Polen vornehmlich unter dem Gesichtspunkt der Judenfeindschaft und des katholischen Fundamentalismus. Und umgekehrt sieht kurz vor der Aufnahme Polens in die Europäische Union die polnische Öffentlichkeit besorgt ins Ausland. Nicht das alte Schreckgespenst des deutschen Revanchismus, sondern westliche Gleichgültigkeit und oberlehrerhaftes Aufdrängen von Debatten erwecken diffuse Ängste. Seit der Debatte um die Ermordung der jüdischen Bevölkerung von Jedwabne wird vielfach nur noch über antisemitische Pogrome, nationalistische katholische Pfarrer, Radio Maryja und rechtsradikale Parteien berichtet.

Dabei fehlt es in der polnischen Gesellschaft nicht an Initiativen für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus. Zugegeben: Es ist ein zaghafter Prozess. Aber Polens Gesellschaft steckt in einer schwierigen Transformationsphase und wird von argen wirtschaftlichen Nöten gedrückt. Daher reagiert man hier besonders hellhörig und sensibel. Pauschalkritik aus dem Ausland spielt nur den vielen Europa-Skeptikern in die Hände. Sicher, kommunistischer Staat und katholische Kirche arbeiteten in Polen unbewusst lange Jahre Hand in Hand, wenn es galt, opportunistisch antisemitische Klischees zu bedienen. Die Diskussion darüber ist wichtig, aber sie sollte primär eine innerpolnische bleiben. Von außen angestoßen, wirkt sie leicht altklug und rechthaberisch.