Je mehr Vitamine die Mäusemütter fressen, desto dunkler wird das

Fell ihrer Nachkommen. Passt das noch zur Theorie von Charles Darwin (links), oder bestätigt es Jean Baptiste de Lamarck (rechts)?

Fotos: AKG (2); Randy Jirtle

Über dieser Theorie liegt ein Fluch. Einer ihrer glühendsten Anhänger wurde 1926 in Niederösterreich mit einer Kugel im Kopf aufgefunden – Selbstmord wegen Forschungsfälschung. In den dreißiger Jahren ließ ein sowjetischer Agronom alle verfolgen, die nicht an die Idee glauben wollten. Und jüngst flog ein australischer Wissenschaftler, der sein Leben der 200 Jahre alten Idee gewidmet hat, nach undurchsichtigen Querelen von der Universität.

Auslöser für den Ärger ist ein Streit um die treibende Kraft in der Evolution: Gilt die natürliche Auslese, nach Charles Darwin, oder die Vererbung erworbener Eigenschaften, die auf Darwins Vorläufer Jean Baptiste de Lamarck zurückgeht? Wer gegen die uneingeschränkte Autorität Darwins opponiert, macht sich verdächtig. Und doch arbeiten Neo-Lamarckisten an der Teilrehabilitation des französischen Zoologen.

Ein beliebtes Beispiel illustriert Lamarcks Vorstellungen: Die Vorfahren der Giraffen reckten den Hals, weil die leckeren Blätter immer höher wuchsen. Dieser Reiz bewirkte, dass der Nachwuchs mit etwas längerem Nacken auf die Welt kam. Schließlich entstand die bekannte Spezies mit den freundlichen Augen und der turmhohen Kopfstütze. Fünfzig Jahre vor Charles Darwin entwickelte Lamarck diese ganz eigene Sicht der Evolution: Die Entwicklung der Arten sei eine direkte Folge der vererbbaren Bedürfnisse des Organismus.

Viele Jahrzehnte wurde der Ansatz akzeptiert. Doch das änderte sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Zu bestechend waren die Hinweise, dass Darwin und seine Nachfolger Recht hatten. Heute bläut uns jedes Biologielehrbuch ein, wie die Entstehung der Arten nach den Regeln von Charles Darwin, Gregor Mendel und August Weismann ablief: Statt einer zielgerichteten Entwicklung regiert die natürliche Selektion. Die Arten produzieren überreichlich Nachkommen mit leichten Variationen – von denen nur die am besten an ihre Umwelt Angepassten überleben. Individuell erworbene Eigenschaften dagegen sterben mit ihrem Träger. Ins Erbgut gelangen solche Erfahrungen nie. Darwin zufolge recken also die Giraffen nicht die Hälse, sondern gebären zufällig Nachkommen mit längeren und kürzeren Hälsen – und nur jene mit der optimalen Beißhöhe können sich im Überlebenskampf behaupten.

Gegenüber dieser Evolutionstheorie verblasste Lamarcks These und war bald sogar verpönt. Doch neuerdings gibt es versöhnlichere Töne. "Hatte Lamarck nicht doch ein klein wenig Recht?", fragte schon vor ein paar Jahren vorsichtig das Fachblatt Science. Inzwischen deuten immer mehr Forschungsergebnisse darauf hin, dass wenigstens Teile der Lamarckschen Evolution denkbar sind.

Ende vergangenen Jahres stellte der schwedische Sozialmediziner Gunnar Kaati von der Universität Umeå fest, dass das jugendliche Verhalten der Großväter väterlicherseits das Schicksal ihrer Nachfahren mitbestimmt. Schlemmten die Altvorderen in der Vorpubertät, sterben die Enkel mit vierfacher Wahrscheinlichkeit an Diabetes. Musste Opa hingegen darben, dürfen die Nachkommen auf ein langes Leben hoffen. "Ein ernährungsabhängiger Mechanismus durch die männliche Erblinie beeinflusst anscheinend das Todesrisiko durch Herz-Kreislauf-Leiden und Diabetes", schrieb Kaati. Just ein solches biologisches Karma hatte einst der Frankfurter Arzt, Zoologe und Erzdarwinist August Weismann strikt ausgeschlossen. Seit 1893 gilt die so genannte Weismann-Barriere, über die viele Biologen auch heute nicht springen mögen: Erworbene Eigenschaften können nicht in die Keimbahn aufgenommen und übertragen werden!

Rauchen wirkt auf die Enkel

Davon unbeeindruckt, geht der britische Genetiker Marcus Pembrey der Frage nach, ob Umwelteinflüsse nicht doch ihre Spuren in nachfolgenden Generationen hinterlassen. Und wie immer, wenn etwas verdächtig nach Lamarck schmeckt, murren die Journale. "Sie können die Resultate einfach nicht glauben", sagt Pembrey, der immer wieder Schwierigkeiten mit seinen Publikationen hat. In der Avon Longitudinal Study of Parents and Children untersuchte er rund 14000 Kinder (und deren Eltern). Ein erstes, bislang unveröffentlichtes Ergebnis: Auch die Rauchgewohnheiten der Vorväter sollen sich auswirken. Was die Zigaretten genau auslösen, will Pembrey noch nicht verraten – nur so viel: Der Effekt des Rauchens ist abhängig vom Zeitpunkt, an dem die Väter oder Großväter das Qualmen begannen. "Die kritische Phase", sagt Pembrey, "ist nicht die Pubertät, sondern die Zeit schnellen Wachstums davor." Es geht also um nikotinabhängige Kinder. "In dem Alter, in dem Spermien heranreifen", sagt Pembrey, "registrieren sie offenbar Signale aus der Umwelt." Die Keimzellen sondieren aus dem Knabenhoden die Gift- oder Ernährungslage – und stellen sich darauf ein.