Hier unten also, in diesem Keller, liegt die Antwort. Einen Tag lang waren wir bei adidas der Frage nachgegangen, wieso die ganze Welt wieder Markenturnschuhe trägt (zumindest jener glückliche Weltenteil, der sie sich leisten kann). In den gläsernen Büros der "adidas Headquarters – World of Sports" in Herzogenaurach hatten wir mit dem "Head of Corporate Media Relations/Head of adidas Global PR" über die Wiedergeburt der Marke adidas gesprochen, die vor zehn Jahren fast tot war und nun – mitten in der Wirtschaftskrise – wächst wie kaum eine andere deutsche Firma. Wir hatten auch dem "adidas Innovation Team" in Sachen Tragekomfort, Fußkühlung und Materialabrieb gelauscht; doch all das hatte seltsam leblos geklungen, kunstledern irgendwie. Dann aber hatte der Pressesprecher den Satz gesagt, der entscheidend ist, den einer wie er aber ungern sagt, weil er unseriös klingt, nicht nach Qualität: Ein Sportschuh sei nicht nur leicht oder robust oder so etwas in der Art. Ein guter Sportschuh "ist ein Symbol, in dem man laufen kann".

Und der Ursprung dieser Symbolik, der sei bei Karl Heinz Lang zu sehen. Im Keller.

So führte der Weg aus Herzogenaurach hinaus, über fränkische Äcker und durch Dörfer in geraniengeschmücktem Wohlstand bis in den kleinen Ort Scheinfeld zwischen Nürnberg und Würzburg. Dort, in einer weißen Halle, nähen acht Näherinnen Maßanfertigungen für Spitzensportler wie David Beckham, Zinedine Zidane und Vitali Klitschko. Hier hatte Karl Heinz Lang, kein "Head of Global PR", kein Pressesprecher also, dafür seit 28 Jahren in der Firma, etwas von seinem "Archiv" gemurmelt. Nun steigt er eine lange Treppe hinab. Von hinten betrachtet – am Kopf ein letzter Kranz von grauem Haar, am Körper ein kariertes Hemd, am Gürtel ein leise klimpernder Schlüsselbund –, wirkt Lang wie ein Hausmeister. Er läuft durch schmale Gänge, durch Lager voller Kartons, immer weiter hinweg aus der modernen adidas-Welt in eine dunkle Kellerkälte, bis er vor einer Tür steht.

Lang schließt auf. Neonlicht springt in die Röhren. Ein karges Zimmer, ergraute Orientteppiche auf dem Boden, darauf Hunderte ausgetretener Sportschuhe, bis an die nackten Wände und Schränke. "Mein Hobbyraum", sagt Lang. Wie ein Storch stakst er zwischen den Schuhen hindurch und zieht an einer Schranktür. Dahinter: noch mehr Schuhe, alt, sehr alt. Mit Zeige- und Mittelfinger zieht Lang von oben ein Paar heraus, rissiges, mumienhaftes Leder, schwarz, mit drei weißen Streifen. Als wolle er die Schuhe nicht aus ihrem Schrankschlaf wecken, flüstert er: "Vom Schäfer die."

Vom Schäfer die? Ach, vom Schäfer die! Ja doch: "Schäfer, nach innen geflankt!" Es ist, als könne man hier unten, in der Stille, plötzlich Herbert Zimmermanns Reportage von 1954 hören, das Wunder von Bern, bald 50 Jahre zurück und eben drum jetzt wieder oft zitiert, "sechs Minuten noch" im Wankdorfstadion, "der Regen prasselt unaufhörlich hernieder", da rollt der Ball also vor genau diesen Schuh, "Schäfer, nach innen geflankt! Kopfball! Abgewehrt!", Lang nimmt jetzt zwei andere Schuhe aus dem Regal, "aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen!", Lang sagt: "vom Rahn die, mit dem rechten hat er das Zwei-zwei gemacht, mit dem linken hier das Drei-zwei", "Toooor, Toooor, Toooor, Toooor!", der Schuh schlägt wieder im metallenen Regalboden ein, "Auuus! Auuus! Auuus! Auuus! Das Spiel ist auuus! Deuuutschland ist Weltmeister!"

Da versteht man, wie adidas funktioniert. Über Ikonen, Mythen und Geschichte. Jeder Schuh ein Emotionen-Akku. Sportler laden ihn auf mit Glanz und Image, mit Energie und Erfolg, und dann strahlt er all das wieder ab, auch nach so vielen Jahren noch, auch aus diesem Keller heraus.

Lang schließt den Schrank und geht zum nächsten. "Edberg", sagt er. "Steffi Graf", sagt er. "Lendl", sagt er. "Hier Merckx. Da Meyfarth, Olympiagold 84. Aberwo ist denn der Owens geblieben?"

Ja, der Owens, verdammt! Der kann doch nicht weg sein! Lang sucht, er wühlt in den Schuhen, er redet in die Schränke hinein, "in dem hier ist Armin Hary in Zürich die zehn Komma null gelaufen …da oben Muhammed Ali… und, ach ja, gleich daneben Joe Frazier, die Schuhe, in denen er Ali geschlagen hat". Einstige Konkurrenten stehen in staubigem Schweigen nebeneinander, in schwarzer Schranknacht, Biografien in Leder, aber das ist jetzt nicht wichtig, denn Lang findet Jesse Owens nicht. Die Spiele 1936 in Berlin, auf der Laufbahn Owens, siegend, in der Loge Hitler, schnaubend – und das Beweisstück verloren?