Was war? Was ist? Wohin geht die Reise? Wohin bewegt sich die Gesellschaft? Raf Simons versteht sich nicht nur als Hersteller von Kleidung. Der 35-jährige Modedesigner aus Antwerpen beschäftigt sich mit Jugendbewegungen, Geschichte und Protest. Er entwirft klassische Herrenkollektionen und versucht zugleich, seine Mode gesellschaftskritisch mit Kunst und Codes der Jugendkultur zu verbinden. Für dieses Heft hat Simons einen Kapuzenumhang entworfen. (Das Schnittmuster zum Selbernähen finden Sie auf den Seiten 64 und 65.) Zu Simons letzter Show in Paris musste man eine Reise antreten, an den Stadtrand der Modemetropole. Dort, in Vincennes: keine Geschäfte, keine sich gegenseitig blockierenden Limousinen. Das einzige Haus: ein verlassenes Schloss. Rechts davon ein Park. Man spazierte ewig durch ein Natur-Gemälde, bis man irgendwann in einem Botanischen Garten die Modelle traf, die sich in kniehohem Gras, unter Bäumen und im Gestrüpp den herumstreunenden Zuschauern präsentierten.

Ihre letzte Inszenierung in Vincennes trug als Motto ein Zitat des Malers Philipp Otto Runge: "Everything gravitates towards landscape." Warum der Drang zur Natur?

Nach all den Jahren, die ich jetzt schon als Designer arbeite, ging es mir um die Suche nach dem Ursprung. Das Bild von Leuten, die vor urbanen Strukturen und Gesellschaftsordnungen flüchten und eine spirituelle Balance mit der Natur suchen, ist eine Metapher für Menschen, die anders sind, als ihr Umfeld es von ihnen erwartet. Es war nicht das erste Mal, dass wir unsere Kollektion in der Natur gezeigt haben. Aber bisher waren das sehr kontrollierte Angelegenheiten. Wir wollten eine anarchistische Präsentation, ein Chaos an einem Ort, der für Abgrenzung einerseits steht, aber gleichzeitig das Öffnen bestehender Grenzen ermöglicht. Die Konfrontation mit den Zuschauern war uns sehr wichtig, auch dafür standen dieser Ort und die Präsentation. Es gab sogar Dialoge zwischen Journalisten und Models, was ich sehr interessant fand.

Das Szenario hatte etwas von einem Hare-Krischna-Treffen oder einem New-Age-Rockfestival.

Die Idee von Zusammengehörigkeit, wie man sie in Familien oder Bewegungen findet, war ein wichtiges Thema. Das Label Raf Simons ist kein one person star- Ding, ich verstehe es mehr als community. Diesmal haben wir auch von Anfang an ganz anders gearbeitet.

Das heißt?

Normalerweise arbeite ich mit zwei Assistenten. Diesmal waren wir eine Art Sekte. Leute, die alle eine enge Beziehung zu mir haben. Maler wie Stef Driesen und Antionetta di Luca, die Freunde sind, ein Autor, Peter de Potter, der konzeptionell involviert war, Ex-Assistenten wie Priska Mörgen, die mittlerweile Familien und Kinder haben, meine beste Freundin und Kunstprojekt-Assistentin Hilde Vanleuwen.