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Ein gutes Geschenk muss erschrecken. Der nicht ganz billige schwarze Stadtrucksack von Bree, der vor vielen Jahren auf dem Geburtstagstisch stand, war insofern ein gutes Geschenk. So gut, dass ich meine Kinderstube vergaß. Ich bin schließlich so erzogen, dass ich mich über jedes Geschenk freue, selbst über Manschettenknöpfe und Sammeltassen. Über den Rucksack aber freute ich mich nicht. Ich schimpfte und warf ihn in die Ecke.

Was war passiert? Ohne böse Absicht hatte der Schenker das Konnotationsfeld übersehen. Das Geburtstagskind drohte in einen Bedeutungszusammenhang zu geraten, der sein Selbstbild gefährdete: Ich sollte zum Rucksackträger umgebogen werden. Ein Rucksack aber gehörte damals noch auf die Schultern von Luis Trenker und vom Sandmännchen. Nur Müslis, Stadtindianer und Leute mit Hautproblemen schnallten sich den entstellenden, einem Buckel nicht unähnlichen Beutel auf den Rücken. Ich war erst Monate später so weit, dass ich den Rucksack heimlich ausprobierte. Er hatte Vorteile gegenüber meiner alten schwarzen Kunstleder-Aktenmappe: orthopädische. Und ich hatte die Hände frei. Es gab auch Nachteile: Taschendiebe hatten unkontrollierten Zugang zum Portemonnaiefach. Ich gewöhnte mich erst an das Ding, als ich den Trick verstand, mit dem man einen Rucksack in einen City-Bag verwandelt. Heute kann man selbst von Betriebswirtschaftlern, Juristen und Bankern im grauen Zweireiher lernen: Der Sack wird an einem Gurt über einer Schulter getragen. Nur so stellt man den Sicherheitsabstand zum schwitzenden Wandersmann her, mit diesem kleinen Signal: Ich lebe provisorisch und trage ironisch.

Tatsächlich sind Rucksäcke und andere Taschen zuallerletzt Behälter, um Objekte von A nach B zu tragen. Die sehr teure Geldbörse zum Beispiel kann schon deswegen kein Geld mehr transportieren, weil alles für ihre Anschaffung draufgegangen ist. Doch auch Damenhandtaschen, Kulturbeutel, Koffer und selbst Aldi-Tüten lassen sich selten annähernd und nie vollständig durch ihre vermeintliche Funktion beschreiben. Im Gegenteil: Zur Freude der Taschenindustrie haben sie ganz überwiegend andere Aufgaben.

Schon Ötzi transportierte im Gürtel Zunderschwamm und Feuerstein

Die Aldi-Tüte war jahrzehntelang anscheinend eine Tragetüte (obwohl die Metapher "Türkenkoffer" bereits von der Funktion fortführte). Heute signalisiert sie, kombiniert mit Outfit-Hinweisen, die auf Betuchtheit schließen lassen: Hier geht ein cleverer Reicher mit seinem billigen, aber irgendwann von Ökotest gelobten Olivenöl (Motto: Geiz ist geil!). Oder denken wir an die etwa daumennagelgroßen "Daypacks", die Ende der Neunziger in Mode kamen. Ihre meterlangen Trageschnüre schlingen sich hässlich um den Oberkörper, und die über dem zweiten Lendenwirbel wippenden Säckchen können bestenfalls eine geknickte Kreditkarte aufnehmen. Schaut her, sagen die wippenden Säckchen (Branchenjargon: inutility bag, Unnutztasche), schaut nur, hier ist eine Person, die ist so frei, ausschließlich mit einer geknickten Kreditkarte durch den urbanen Dschungel zu stolzieren, weil sie zur exklusiven Gruppe der Daumennagelgroße-Taschen-Träger gehört.

Diesen Zeichencharakter der Tasche nutzen Angehörige desselben Milieus ebenso wie Seelenverwandte. Das ist bei den Eignerinnen der vielleicht berühmtesten aller Handtaschen, des Kelly-Bags von Hermès, nicht anders. Die leicht trapezförmige Überschlagtasche mit seitlichen Zugbändern und Henkelgriffen wurde 1956 nach Grace Kelly benannt, die hinter solch einer Tasche ihren Schwangerschaftsbauch zu verstecken pflegte. Kelly-Bag-Trägerinnen zeigen, dass sie, wenn sie schon nicht so berühmt oder schön sind wie Grace Kelly oder Marlene Dietrich, ihnen doch in der Freiheit gleichen, sich keinen Mittelklassewagen zu kaufen. Sondern eine ebenso teure Tasche.

Es könnte leicht der Eindruck entstehen, Taschen seien ein reines Frauenthema. Das Gegenteil stimmt: Taschen haben seit je mit Mobilität zu tun. Und Mobilität war Jahrtausende lang Männersache. Schon beim Gletschermann Ötzi fand sich eine Gürteltasche mit Zunderschwamm und Feuerstein. Seit dem 15. Jahrhundert gab es, in Männerhosen eingenäht, die so genannte Schamkapsel, eine Art Latz, der nicht ohne Stolz und künstliche Ausbeulung getragen wurde. In Frankreich entdeckte man sie schnell als Möglichkeit, Geld und Naschwerk am Körper zu verstecken. Vorformen weiblicher Taschen fand die Taschenforschung zwar bereits im Hochmittelalter, Beutel namens Almosentaschen mit Münzen für die Armen, rechteckig mit Zugband und Troddeln, die am Körper über der Kleidung getragen wurden. Sie waren insofern bemerkenswert, als Damen bis zur Französischen Revolution fast ausschließlich in die Kleidung genähte oder gehängte Innentaschen trugen. Erst die Revolution änderte diese Mode und führte zu eng anliegender Damenkleidung. Für Innentaschen fehlte nun der Platz – so entwickelte man Täschchen, die mit einem Bändel am Handgelenk getragen wurden. Sie hießen Ridicules , eine fraglos männliche Verballhornung von Reticulum (Tragenetz).

Ridicule! Hinter dem Lachen der Männer über Frauenhandtaschen, so alt wie diese, verbergen sich Unbehagen und Angst. Tatsächlich, wer die Geschlechterfrage außer Acht lässt, hat die Dimensionen der Taschenfrage nicht erfasst. Was heute kaum noch jemand weiß: Handtaschen waren einmal ein Mittel progressiver Frauen, das Ausmaß ihrer Emanzipation zu demonstrieren. Damen mit Handtaschen legten zu Beginn des vorigen Jahrhunderts nämlich den viele männliche Zeitgenossen beunruhigenden Gedanken nahe, sie transportierten darin, besäßen also, eventuell, einen Haustürschlüssel. Gar eigenes Geld. Taschenträgerinnen waren imstande, sich selbstständig und ohne Herrenarm in der Welt zu bewegen. Mehr noch, manche besaßen – und nutzten! – gar eine Reisetasche.

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Heute haben sich die Verhältnisse umgedreht: Es gibt Unmengen von Frauen-, aber nur wenige wirkliche Männertaschen. Entsprechend unterscheidet sich das Kaufverhalten. Frauen können angesichts des neuen "Street Chic" von Dior (rot, Kroko, mit angedockten Satellitentäschchen) rasend werden. Sie können sich, so eine beliebte Frauenformulierung, bei Taschen jederzeit "ins Koma shoppen". Männer dagegen engen eine mögliche Formenvielfalt schon durch Insistieren auf das Format DIN A4 ein. Sie tragen Schlüssel, Kreditkarte und Handy ohnehin am liebsten am Körper (und lassen sie noch lieber zu Hause). Am allerliebsten überlassen sie den Frauen das Tragen. Handtaschen werden folgerichtig gern zu den tertiären weiblichen Geschlechtsmerkmalen gerechnet und entsprechend interpretiert. Notorisch ist ihre küchenpsychologische Beschreibung als nach außen gekehrte Gebärmutter. Das Tragen einer Tasche gilt als eine pathologische Abart oder als Abwehr eines zu therapierenden Penisneids (außer Frage steht: Taschenkaufen kommt auf die Dauer teurer als die Dienste eines namhaften Psychiaters). Tiefsitzende männliche Ängste werden auch dort offenbar, wo es um das geheimnisvolle, niemals ergründete Innere einer (Mutters!) Damenhandtasche geht. In dem Kieslowski-Film Die zwei Leben der Veronika fragt Veronika (die zweite) ihren Liebhaber: "Was willst du noch von mir wissen?" Er antwortet: "Alles." Daraufhin schüttet Veronika auf dem Bett den Inhalt ihrer Handtasche aus. Freud hätte seinen Spaß gehabt an den vielfach kolportierten Anekdoten um Margaret Thatcher, die ihre legendäre Ferragamo-Handtasche zuschnappen lassen konnte "wie ein Krokodil" (vergleiche: die vagina dentata).

Im Schatten des Megatrends, der im Laufe der Jahrhunderte aus einem rein männlichen Transportbehälter ein weibliches Accessoire mit zahllosen Nebenbedeutungen machte, leben Gegentrends. Zum Beispiel der Unisex-Trend der Sechziger, der auf Kleidung, Frisur und Taschenmode durchschlug. Lange Haare, Parka und Schultertasche aus Handgewebtem oder Teppichartigem wurden zum Protestausdruck einer ganzen Generation. Seitdem gehen immer wieder Unisex-Wellen durchs Land, die stets auch geschlechtsneutrale Taschen in die Städte schwemmen. Die Ökowelle brachte den textilen Umweltbeutel mit. Die Rucksackmode entsexualisierte auch noch die Silhouette der Rucksackträger. Und heute begegnet man in allen Fußgängerzonen jungen Menschen beiderlei Geschlechts mit Quertaschen, ästhetisch zweifelhaften Einträgerrucksäcken, die den Oberkörper diagonal umfassen.

Der Mensch des 21. Jahrhunderts trägt einfach alles mit sich herum

Taschen werden heute natürlich nicht nur am Gurt oder in der Hand getragen, der Mensch des 21. Jahrhunderts trägt Taschen einfach überall, man könnte von einer Inflation der Taschen sprechen. Urlauberehepaare um die 60 beim Einchecken nach Gran Canaria kann man vor Taschen kaum noch erkennen. Er in der biwakerprobten Outdoorhose, zwei Gesäßtaschen, vier Taschen vorn, zusätzlich je eine in Kniehöhe, darüber hinaus etwa 27 Taschen in der beigefarbenen Anglerweste, die seinen Trägern so sehr das Aussehen von Kriegsreportern verleiht. Das Taschenmanagement unterliegt strenger Systematik: Alles, was wirklich bedeutend ist (Papiere, Oropax, Kaugummis, Filme), trägt man am Körper. Das Geld in der hüftumspielenden Gürteltasche. Die Flugtickets in der Hemdbrusttasche. Sie dagegen schleppt auf dem Rücken und vor dem Bauch jeweils einen Rucksack mit warmen Pullovern und Regenjacken, Sonnenmilch und Mückenmittel, Stullen, Kaffee, gewaschenen Äpfeln. Jugendliche mit voluminösen Body-Bags scheint dasselbe Motiv zu treiben: Seht her: Ich bin immer unterwegs und auf alles gefasst.

Seit es in Mützen Taschen gibt und auf Ärmeln, seit die letzten freien Körperflächen mit Taschen gepflastert sind, bleibt nur ein Ausweg: Die Taschen müssen größer werden. Die Folge heißt Cargohose. Das Ladevolumen ihrer aufgesetzten Taschen würde reichen, den Nahrungsmittelbedarf für ein einwöchiges Survival-Seminar unterzubringen. Natürlich ist auch hier die Funktion nur behauptet. In Wahrheit werden die Taschen von Cargohosen äußerst selten benutzt, zumal sie unpraktisch sind (was man hineinsteckt, schlägt bei jeder Bewegung gegen Schenkel und Wade und zerrt das Beinkleid nach unten). Tatsächlich ist die Cargohose auch Ausdruck des zweiten Megatrends, der die Taschenmode beeinflusst: der "Taschenwanderung". Wir erinnern uns an die postrevolutionäre Phase, die die Ridicules gebar. Seit jener Zeit gilt: Schreibt die Mode weite Kleidung vor, wandern die Taschen nach innen. Heißt der Trend dagegen hauteng, lösen sich die Taschen vom Träger. Cargohosen mit Taschen, die außen an der Hose sitzen, also nicht mehr innen, aber auch noch nicht losgelöst von der Kleidung, markieren also eine modische Zwischenphase.

Nur das Herrentäschchen sorgt für Hohn und Spott

Wer sich noch an die erste Schlaghosenperiode der sechziger Jahre erinnert, als Hosentaschen größenmäßig für Feuerzeug und Fünfmarkstück taugten, versteht jetzt auch das Aufkommen des Herrengelenktäschchens. Dieses grundverdienstvolle, praktische und funktionale Utensil war die Reaktion auf zu enge Beinkleider. Es hieß zwar niemals ridicule . Trotzdem wurden seine Träger einhellig verspottet. Am höhnischsten reagierten die Frauen: Das Herrentäschchen wurde umgehend mit dem schwitzenden pensionierten Lehrer, dem Goldkettchen-Schmierlapp und dem Musical besuchenden Facharbeiter konnotiert und verschwand wieder aus dem öffentlichen Leben.

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Schade im Grunde, denn das Herrenhandtäschchen ist vielleicht das schönste Beispiel dafür, worauf es bei Taschen, fernab von allen Konnotationen, eben nicht ankommt: Es nimmt alle Gegenstände auf, die in Hosentaschen auftragen und auf Gasthaustischen abgelegt und vergessen werden. Es ist leicht, unauffällig und deformiert nicht die Silhouette des Trägers. Es lässt, da es am Handgelenk baumelt, beide Hände frei und erschwert gleichzeitig Dieben das Handwerk. Kurz: Funktionierte das Taschengeschäft rational, hätte jeder Mann längst ein Gelenktäschchen.

So aber, im Sinne des anfangs angeführten erschreckenden Schenkens, bleibt das Herrengelenktäschchen allenfalls ein Geheimtipp für den nächsten Geburtstag. Noch! Denn wenn nicht alles täuscht, nimmt das baumelnde Ding soeben einen zweiten Anlauf. Prada, Samsonite und Fendi haben es schon wieder im Sortiment.

Kein Wunder: Die Hosen werden enger.