Wenn dieser Tage Roman und Claudia aus Haiti zurückkommen und zum Dia-Abend einladen, beginnt für mich der alljährliche Spießrutenlauf. Dann muss ich erklären, warum ich auch in diesem Sommer wieder nicht weggefahren bin. Niemals müssen sich Roman und Claudia dafür rechtfertigen, dass sie schon mal dreißig Stunden auf dem Flughafen wegen einer Bombendrohung festsaßen, dass Claudia extreme Verdauungsbeschwerden und Roman einen Tobsuchtsanfall wegen seines am Strand geklauten Notebooks hatte. Sie hatten oft eine schlechte Unterkunft, und dahinter brannte der Wald. Aber ich muss mich dafür rechtfertigen, dass ich drei Wochen lang eine herrliche Zeit in Hamburg-Eimsbüttel verbracht habe, nur das tat, was ich wollte, und außerdem das Jahr über noch genug Kleingeld haben werde, um mir alles zu kaufen, was mir in den Sinn kommt, während Roman und Claudia nach Haiti jeden Cent dreimal umdrehen müssen.

Als Nichtreisender gehöre ich einer Minderheit an, ich bin stigmatisiert. Jedes Jahr gegen Ende der Reisesaison findet diese kleine Folterung statt. Man kann es sich in Zeiten der Globalisierung gesellschaftlich nicht mehr leisten, noch nie auf Zypern oder in New York gewesen zu sein. Eine Initiation ins Urlaubmachen fand in meiner Kindheit nicht statt. Kein "Ist es noch weit?"-Gequengel auf dem Rücksitz, keine französischen Hafenlokale, wo man Pommes und Cola bestellen durfte, kein Sandburgenbauen an der Nordsee. Meine Eltern fuhren jeden Sommer in einen zehn Kilometer entfernt gelegenen Kurort, und ich wurde in evangelische Zeltlager gesteckt. Es war nicht leicht für mich, wenn nach den großen Ferien jeder in der Klasse von seinen schönsten Ferienerlebnissen erzählte und ich von Batiken, Gipsmaskenherstellen und einer Nachtwanderung durch Mosbach im Hunsrück berichtete. Immerhin kannte ich mich in Deutschland aus, während mein Banknachbar Lima für die Hauptstadt von Baden-Württemberg hielt.

Ich fahre nach Billstedt und plaudere mit verblüfften Einheimischen

Grob kann man zwischen dem Abenteuer-Nichtreisenden und dem Pauschal-Nichtreisenden unterscheiden. Der Abenteuer-Nichtreisende, zu dem ich in meinen besseren Jahren gehörte, schätzt es, ziellos und ohne Proviant um seinen Häuserblock zu ziehen oder Stadtteile aufzusuchen, in denen er noch nie war. Früher fuhr ich manchmal mit der U-Bahn nach Billstedt oder Großhansdorf, plauderte mit den verblüfften Einheimischen, suchte repräsentative Kulturdenkmäler auf und aß landesüblich zu Mittag. Zum Schluss wurde ich überall herzlich, ja dankbar verabschiedet. Hin und wieder wagte ich auch einen Ausflug über die HVV-Grenze. Das will sorgfältig geplant sein, am besten Wochen im Voraus. Als ich einmal die Idee hatte, einen Bekannten in Stade zu besuchen, fragte mich die Frau am Schalter, ob ich die Verbindungen wüsste. Ich hatte alles telefonisch in Erfahrung gebracht, auch sondiert, ob es Tunnel gäbe oder hohe Brücken. Dann fiel mir ein, dass ich etwas vergessen hatte, es handelte sich um den entscheidenden Busanschluss, denn mein Bekannter wohnte nicht direkt in Stade. Ich fragte noch einmal nach, erkundigte mich aber so umständlich, dass ich schließlich jene Verbindungen ausgedruckt bekam, die ich bereits besaß. Ich bemerkte den Irrtum. Doch da sich hinter mir eine Schlange gebildet hatte, beschloss ich, nichts zu sagen. Ich wollte mein Gesicht wahren. Mit vollständig unbrauchbaren Informationen verließ ich das Reisezentrum. Solche Erfahrungen haben mich zum Pauschal-Nichtreisenden gemacht, zu dem ich als Schriftsteller ohnehin tendiere.

Der Pauschal-Nichtreisende scheitert schon bei den kleinen Grenzüberschreitungen des Alltags, und er weiß es. Jedes Mal frage ich mich, wie jemand einfach so in eine schon abfahrbereite S-Bahn springen, sich hinsetzen, in einem Buch weiterlesen oder telefonieren kann, während alle ihn verstohlen beobachten. Ich lasse die Bahn meistens fahren, wenn es knapp werden könnte. Bin ich beim Aussteigen der Erste an der Tür, habe ich das Gefühl, dass alle meinen Finger studieren, der wartend vor dem automatischen Türöffner verharrt. Sobald der Druckknopf durch Leuchten signalisiert, dass die Tür jetzt zu öffnen ist, drücke ich ihn schnell, um der Verantwortung zu entkommen, dass ich für alle anderen die Tür zu öffnen habe. Wie soll ich die Alpen bezwingen? Der Pauschal-Nichtreisende verlässt sein Haus nur zum Inspiriertwerden und braucht es, zu hören, was im Urlaub alles schief gehen kann. Wenn ich morgens aufstehe, lese ich zuerst das "Vermischte" in der Tageszeitung. Dort erfahre ich dann von Leichtsinnigen, die fast von Krokodilen gefressen wurden, von einem rätselhaften Virus, den jemand von den Philippinen eingeschleppt hat, oder von zwei Pärchen aus Herne, die auf Gran Canaria im selben Hotel abgestiegen sind und sich ein Eifersuchtsdrama lieferten. Schadenfreude liegt mir fern, aber man wird doch noch sagen dürfen, dass jeder an seinem Schicksal selber schuld ist.

Mein Frühstück nehme ich in Cafés in Eimsbüttel ein, die multikulturelle Speisen anbieten und ihre Varianten nach internationalen Hauptstädten benennen. So genieße ich beim Frühstück Madrid – Tortillas, Avocadocreme, frisch gepresster Orangensaft – ein gewisses Spanien-Flair, fühle mich beim amerikanischen Frühstück – Bagels, Cola, Ham and Eggs – schon halb in New York und bei einem schlichten Croissant mit Kaffee in Paris. Manchmal gehe ich auch vorher in ein Kaufhaus und blättere in Merian-Bänden.

Jemand muss vor Ort sein, um sich den Touristen als Stadtführer aufzudrängen. Zu diesem Zweck begebe ich mich, solcherart gestärkt, in die City und warte, bis man mich anspricht. Ich werde oft um Auskunft gebeten. Kürzlich fragte mich ein Paar aus Österreich nach einem Club, wo man angeblich gut weggehen könne. Dieses ständige Weggehenmüssen ist Reisen en miniature. Ich erklärte ihnen, dass sich ein Besuch dort nicht lohne, und empfahl einen Schuppen im Bahnhofsviertel. Ich war kurz unsicher, ob er zu dem Paar passen würde, wollte mich jedoch als kundig aufspielen. Den ganzen Tag beschäftigte mich die Vorstellung, wie die beiden die Bar betreten, erst überrascht und dann etwas enttäuscht sind, infolgedessen eine negative Meinung von mir bekommen und diese miteinander besprechen. Ich gehe niemals aus. Ich stehe immer zur Verfügung. Lästig genug, dass man gelegentlich von Freunden gefragt wird, ob man mit ins Kino will. Es könnten mich wichtige Nachrichten erreichen, die ich versäumte, würde ich in irgendeinem Strandclub rumhopsen, mich bei einem Theaterstück in fremder Sprache langweilen oder bei ungarischen Opern einschlafen. Ich besitze noch ein Verantwortungsgefühl für die Menschheit: Ich will erreichbar bleiben, koste es, was es wolle, für die eine Botschaft, die kommen könnte, für den einen Menschen, der plötzlich anrufen, für den einen Brief, der im Briefkasten liegen, die eine Großtante, die plötzlich sterben könnte. Die große Reise, auf die ich mich vorbereite, ist der Tod. Mit dem Tod sind die Dia-Abende zu Ende. Besitzt der Mensch mehrere Leben, dann habe ich ja schon einmal am Fuß der Pyramiden geschlafen und bin durch die Prärien Nordamerikas geritten. Ich habe es bloß vergessen.

Schluss mit der Stigmatisierung! Es muss endlich Nichtreisebüros geben