Weder sind der Nahe und Mittlere Osten seit dem amerikanischen Feldzug im Irak in Flammen aufgegangen, wie Kriegsgegner warnten, noch ist die Region nach dem Sturz Saddam Husseins ein safer place , wie uns US-Präsident George W. Bush versichert. Vielmehr entsteht jetzt ein durchgehender Krisenbogen vom Gaza-Streifen über das Kaspische Meer bis nach Kaschmir. Das jedenfalls behauptet der Journalist Michael Lüders in seinem neuen Buch. Die Region verkomme zu einem "Schlachtfeld eines asymmetrischen Krieges zwischen Kalaschnikow-Kämpfern, Selbstmordattentätern und Guerilleros einerseits und der amerikanischen Weltmacht andererseits".

Seinen politischen Parforce-Ritt über dieses Schlachtfeld beginnt der Autor interessanterweise in den fünf exsowjetischen Republiken Zentralasiens: Kasachstan, Kyrgystan, Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan. Seit der Entdeckung riesiger Öl- und Gasvorkommen im Kaspischen Meer ist um diese Staaten das neue "Große Spiel" ausgebrochen, ein geostrategischer Kampf zwischen den USA, Russland und China um Macht und Pipelines. Geschickt hat die Bush-Regierung den Afghanistan-Krieg genutzt, um zwei große Militärbasen in Kyrgystan und Usbekistan einzurichten und Bündnisse mit den zentralasiatischen Diktatoren zu schmieden. Dabei führt gerade deren repressive und korrupte Politik zum Aufstieg des radikalen Islam im verarmten Volk, wie Lüders darlegt.

In einem kühlen, unaufgeregten Stil geschrieben, sind die Zentralasien-Kapitel zwar informativ, doch es fällt auf, dass sie offenbar auf nur einer Reise in die Region basieren. Was fehlt, sind anschaulichere Beschreibungen und Erlebnisberichte, die analytische Inhalte gerade aus so unbekannten Ländern viel eindrücklicher vermitteln können.

Stärker ist der zweite Teil des Buchs, in dem Lüders die Nachkriegslage im Nahen und Mittleren Osten beleuchtet. Auch hier geißelt der Autor die unheilvollen Allianzen der Bush-Regierung, etwa mit dem afghanischen Warlord Ismail Khan, die die missionarisch verbrämten Parolen von Demokratie und Freiheit als rein machtpolitische Lippenbekenntnisse entlarvten. Schlimmer noch: Das amerikanische Desinteresse am nation building lasse Afghanistan erneut in Chaos und Taliban-Terror versinken, ein neuer Bürgerkrieg stehe bevor.

Auch im Irak haben die US-Besatzer nach Lüders’ Ansicht bislang keine politische Vision für den Aufbau eines demokratischen Staats. Das Dilemma der Amerikaner sei, dass freie Wahlen vermutlich zu einem Sieg schiitischer Islamisten führen würden, die der Besatzungsmacht immer feindseliger gegenüberstehen. "Ein stabiler, mehr oder weniger demokratischer Irak erscheint höchst unwahrscheinlich", lautet das pessimistische Fazit, das auf profunder Kenntnis der Region fußt.

Warum engagiert sich die Bush-Regierung so sehr im Mittleren Osten und in Zentralasien? In einem lesenswerten Exkurs sucht Lüders die Antwort in der aggressiven neuen US-Energiepolitik, formuliert von Vizepräsident und Exölmagnat Dick Cheney. Um den steigenden Bedarf an Ölimporten zu decken und die Abhängigkeit vom arabisch dominierten Opec-Kartell zu mindern, versuchten die USA ihre Ölversorgung zu diversifizieren und weltweit Vorkommen zu sichern. Das kaspische Öl spiele dabei eine große Rolle. Die beste Alternative zum zunehmend instabilen, terrorverdächtigen Saudi-Arabien jedoch sei der Irak mit seinen 115 Milliarden Barrel Rohöl.

Allein die amerikanische Politik, "die Demokratie sagt und Erdöl meint" (Lüders), habe einen Haken: Die Menschen in Zentralasien und im Mittleren Osten durchschauten sie längst und reagierten mit Zorn und Enttäuschung. Inwieweit das Terroristen in die Hände spielt, ist der große unbekannte Faktor im neuen "Großen Spiel" in der Region.