Eigentlich sollte es ein Ufo sein, ein richtiges Raumschiff, das plötzlich am Himmel über Berlin, Frankfurt oder Kaiserslautern auftaucht, den Verkehr zusammenbrechen lässt und die Bewohner mit einem Virus infiziert. Erst am folgenden Tag sollten Anzeigen in den Zeitungen Entwarnung geben: Keine Marsattacke, ist alles nur ein Spiel, das ansteckend sein soll. Doch dann kam der 11. September, unbekannte Flugobjekte waren fortan kein guter Gag mehr. Also musste André Heller seinem tollkühnsten Plan für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 die Flügel stutzen. Noch immer gleicht sein Objekt nach Ideen von Buckminster Fuller dem Raumschiff, in dem E. T. nach Hause fliegt. Aber es steht nun fest verankert gleich hinter dem Brandenburger Tor, knapp 20 Meter hoch, 60 Tonnen schwer, beleuchtet von 20000 "Power-LEDs". Bei Tag sieht es aus wie ein Fußball, nachts wie eine Weltkugel und bei Bedarf wie ein gigantisches Auge oder ein Seeigel oder oder oder, moderne Projektionstechnik und 4,8 Kilometer Kabel erlauben allerlei Metamorphosen. In diesem "Fußball-Globus" beginnt am Freitag, 1000 Tage vor dem ersten Spiel, das Kulturprogramm der WM.

Dann, so sieht es der Ablaufplan vor, wird Musik einsetzen, "die Tür des Objekts öffnet sich langsam und gleißendes Licht entsteht, Bühnennebel umhüllt die beiden Personen, die nun wie außerirdische Wesen erscheinen". Es werden aber nur der Bundeskanzler und der Fifa-Präsident sein, begleitet vom Captain Kirk des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, der mit dem Vollspann, umtost von Sound-Effekten und Feuerfontänen, den Weg in den Globus freischießt. Dort warten göttliche Dinge auf die Fußballerdlinge, der Fifa-Weltpokal und andere Devotionalien in schicken Vitrinen. Der erste Stock gleicht der Brücke eines Raumschiffs, Beam me up, André; über weißen Lederfauteuils flimmern Bildschirme und Projektionsflächen. Vom virtuellen Elfmeterschießen bis zum historischen Fußballquiz, vom imaginären Rundgang durch die WM-Stadien bis zum Blick ins Kuriositätenkabinett des Spiels, Abteilung Sockenschuss, ist hier für 2 Euro Eintritt zwischen 9 und 19 Uhr jede digitale Spielerei möglich.

Danach gehört der Globus der Hochkultur, die Brücke verwandelt sich in einen Hörsaal. Uruguayische Philosophen und kamerunische Schriftstellerinnen sinnen dem Lauf des Balles nach, Claus Peymann und Jürgen Flimm bekommen sich über das falsche Leben mit der richtigen Mannschaft theatralisch in die Haare, der Verfasser dieser Zeilen wird sich mit der Exegese des Wunders von Bern beschäftigen, Auftragskompositionen speziell für das Innere des Balles werden uraufgeführt, und Klaus Theweleit lässt aus all diesen Männerfantasien ein bisschen die Luft raus. Dann wird der Globus demontiert und für wiederum acht Wochen zum nächsten WM-Spielort gekarrt, und dann wieder und wieder, bis er durch alle 16 Städte gerollt ist, das "Konsulat der Fußball-WM", wie Heller sagt, der sich auch das Motto des ganzen Turniers ausgedacht hat: "Die Welt zu Gast bei Freunden".

Es ist nicht eben selbstverständlich, dass nach der Schmach von Córdoba ein Österreicher zum deutschen Spielmacher werden darf; außer Andi Herzog hat das noch keiner geschafft, und der trat nicht für die Nationalkultur, sondern bloß für Werder Bremen vor den Ball. Und gerade mit Heller ist es ja so eine Sache. Schon der Name seiner Firma bündelt alles, was Kritiker hierzulande an dem großen Charmeur, Narziss und Bildermacher verachten: Artevent. Niemand versteht es wie er, aus der Kunst ein massenwirksames Spektakel zu machen. Ob Luna Luna, die Kirmes berühmter Künstler in Hamburg 1987, die Revue Begnadete Körper oder die unterirdischen Kristallwelten für den Glitzerfabrikanten Swarovski in Tirol – die Puristen finden so viel Kind im Manne kitschig, das Publikum nennt’s poetisch. Also wird es wohl richtig sein, wenn es darum geht, Stadien zu füllen, auch wenn es für Heller selbst der "fernliegendste Gedanke" war, ihn in Sachen Fußball um Rat zu fragen.

Selbst gespielt hat er nie, "als die anderen Jungs damit anfingen, war ich im katholischen Internat mit Knien und Beten beschäftigt". An genau zwei Fußballbegebenheiten in seinem Leben kann er sich erinnern: Einmal urlaubte er im gleichen Ort wie die österreichische Fußball-Legende Ernst Stojaspal, ein andermal besuchte er mit Helmut Qualtinger ein Länderspiel – zum "Leit beobachten". Doch dann, kurz vor der entscheidenden Präsentation zur WM-Vergabe, fragten ihn deutsche Freunde dennoch um Rat. Heraus kam vor allem die Idee mit dem Daumendrücken: Mit dem Kanzler, Claudia Schiffer und Boris Becker standen die bekanntesten Deutschen der Welt einfach stumm herum und hielten Däumchen für ihr Land. Es funktionierte, "nicht allein meinetwegen", sagt Heller, "aber geschadet habe ich auch nicht".

Und so kommt es nach dem Triumph zu einem neuerlichen Treffen, diesmal in Hellers Anwesen am Gardasee. Schröder, Beckenbauer, Blatter und Innenminister Otto Schily spielen Fußballquiz, schreiben historische Mannschaftsaufstellungen ins Gästebuch und fragen Heller, ob er, der schon überall auf der Welt seine Kunststrippen gezogen hat, nicht der Kulturbeauftragte der WM sein will. "Machen Sie kühne Ideen!", habe der Kanzler gefordert, erinnert sich Heller, der es schon kühn findet, ein Fußballturnier überhaupt mit einem Kulturprogramm zu schmücken: "Das hat es doch noch nie gegeben." Hunderte Zugänge zum Thema seien denkbar, nicht nur die aus der Fankurve. Was war eigentlich mit Real Madrid unter Franco? Dem AC Milan unter Mussolini? Was ist mit Fußball und Rassismus, Kirche, Homosexualität? Für Heller ist sein massenkompatibler Kulturbegriff ein aufkläreriches Projekt – kann man nicht auch dem Hooligan einen Begriff von Schönheit vermitteln? Dafür ist das Beste, Größte, Bekannteste gerade gut genug: Dylan soll vom Fußball singen, García Márquez drüber schreiben und Tarantino einen Film machen. Vorgespräche in Amerika haben schon stattgefunden.

Mehr als hundert Vorschläge umfasst schließlich der "Masterplan", den Heller dem Fußball-Weltverband vorlegt, von Architekturausstellung über Modewettbewerb bis Weltmusikfestival. Durch das Fifa-Nadelöhr muss alles durch, was sich mit der geschützten Marke Fußball-WM schmücken will. Gut fünfzig Projekte bleiben schließlich übrig, an deren Umsetzung Heller nun arbeitet. Sie sollen mit den Klischees über Deutschland aufräumen, die Deutschen als selbstironisch, sinnlich, witzig, weltoffen vorstellen. Das nationale Großereignis gibt sich programmatisch unpatriotisch, ein "Rausch an Unterschiedlichkeit" soll es sein.

Wem er bei all seinen Plänen eigentlich Rechenschaft schuldet, weiß Heller selbst nicht so genau. Nach etlichen Querelen im Organisationskomitee der WM wurde der Bereich Kunst und Kultur ausgegliedert und erst im Juli die Nationale DFB Kulturstiftung WM 2006 GmbH gegründet, in deren Aufsichtsrat neben der Kulturstaatsministerin auch die sportpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen sitzen. Sie sollen den ordnungsgemäßen Umgang mit jenen 30 Millionen Euro überwachen, die für das Kulturprogramm zur Verfügung stehen und über den Verkauf von Sondermünzen eingenommen werden sollen. Mit der GmbH hat Heller lediglich einen Beratervertrag – und bleibt doch stets in Ballbesitz. Man werde, so Christina Weiss, für den "renommierten Künstler und Spektakelzauberer einen Rahmen festlegen, der aber natürlich die notwendigen künstlerischen Freiräume nicht beeinflussen soll". Doch der Aufsichtsrat trifft sich Ende dieser Woche überhaupt zum ersten Mal – wer sollte Heller in das Programm, das die Fifa schon abgenickt hat, noch reinreden? Gemacht wird, was er – mithilfe von Sponsoren – finanziert bekommt.