Jeffrey Sachs sieht gut aus. Er ist schlanker, wirkt wacher als vor einem Jahr. Damals war er gerade von Harvard zur New Yorker Columbia-Universität gewechselt. Er sah abgearbeitet aus, und er hatte einen Bauch. "Jetzt bin ich auf Diät", sagt der 48-jährige Dauerarbeiter. "Und seit ich in Manhattan lebe, gehe ich viel mehr zu Fuß." DER PROFESSOR AN SEINER NEUEN WIRKUNGSSTÄTTE: Jeffrey Sachs auf dem Campus der Columbia-Universität in Manhattan

Er wohnt in einem Haus, das sein neuer Arbeitgeber für acht Millionen Dollar gekauft hat. Teuer? Ja, aber allein in diesem Monat will Jeffrey Sachs vier Regierungschefs in New York empfangen. Meistens geht er die gut dreißig Blocks von der Dienstwohnung auf der Upper West Side zu seinem Büro unter dem Dach der altehrwürdigen Low Library. Oder er durchquert zu Fuß den Central Park auf dem Weg zum Hauptgebäude der Vereinten Nationen, wo sein neuer Partner sitzt: der Generalsekretär. Denn der Amerikaner mit dem vollen Haar und dem runden Gesicht, die ihn von weitem wie einen Doktoranden aussehen lassen, leitet nicht nur Columbias riesiges Earth Institute und besetzt drei Professorenstühle an der Universität. Er berät auch Kofi Annan in Entwicklungsfragen, arbeitet für die UN mit Drittweltländern zusammen und sammelt Milliarden für den Kampf gegen Aids in Afrika.

Ist Jeffrey Sachs angekommen? Einer wie er kommt nie an, sondern ist immer schon da, wo sich große Aufgaben ergeben. Aber, "einer wie er" ist auch schon wieder falsch. Denn ob man den heftig umstrittenen Weltökonomen nun schätzt oder ablehnt, ist er doch der einflussreichste Volkswirt auf dem Planeten.

1985 hob Jeffrey Sachs ab, und seither ist er eigentlich nicht mehr gelandet. Damals ist er 30 Jahre alt, schon Harvard-Professor, anerkannt ob seiner Arbeiten über Stagflation, die heimtückische Mischung aus Stillstand und fortschreitender Geldentwertung. Im Jahr 1985 kommt die Wirklichkeit in die neuenglische Forscheridylle. Ehemalige Studienfreunde bringen ihn mit einer bolivianischen Delegation zusammen. In deren Heimatland ist die Hyperinflation auf jährlich 24000 Prozent geklettert, und die Menschen leben von der Hand in den Mund. Sachs hört sich die Berichte an und gibt ein paar Lehrbuchratschläge. "Wenn Sie denken, Sie wissen, was zu tun ist, dann kommen Sie nach La Paz", sagen die Bolivianer. Und ein paar Wochen später fliegt Sachs tatsächlich, die Inflation hat mittlerweile 60000 Prozent erreicht. Bürgerkrieg liegt in der Luft.

Bolivien im Chaos. Das Land ist reif für die Schocktherapie

Die Gründe für die Misere sind schnell gefunden. Der Umsatz der rückständigen Exportbranchen ist eingebrochen. Trotzdem muss die Regierung ausländische Gläubiger befriedigen und druckt deshalb Geld in rauen Mengen. Und die vom Staat dirigierte Wirtschaft torkelt vom einem Engpass zum nächsten. Sachs hat eine Überzeugung im Gepäck: Mit ein, zwei entscheidenden Maßnahmen können Staaten eine Hyperinflation innerhalb weniger Tage beenden. Der Chefökonom der Regierung sieht es genauso – und will doch mehr, nämlich die umfassende Reform seines Landes. So wird der Generalplan, an dem Sachs mitarbeitet, am 29. August 1985 Politik. Schocktherapie werden die Maßnahmen in der Öffentlichkeit genannt. Zuerst erhöht die Regierung den Ölpreis im Land, und weil ihr das Öl gehört, fließt wieder Geld in die Kassen, es muss nicht mehr gedruckt werden – eine einfache Maßnahme, die nach einigen turbulenten Wochen tatsächlich die Hyperinflation beendet. Zu Beginn des folgenden Jahres herrschen in Bolivien normale monetäre Verhältnisse. Der langfristige Teil des Planes ist viel schwieriger umzusetzen: Eine echte Demokratie soll etabliert werden, die Volkswirtschaft soll sich dem Welthandel öffnen, der Staat soll aufhören, sich in jeden Markt einzumischen, und stattdessen für genug Schulen und Krankenhäuser sorgen. Das Land braucht private Unternehmer und eine Rechtskultur, der ausländische Investoren vertrauen.

Vier Jahre wirkt Sachs in La Paz an den fieberhaften Reformen mit. Sein Ruf steht erst einmal fest: Er ist der Schocktherapeut, der die bolivianische Krise überwunden hat. Bald berät Sachs auch andere Länder in der Region. Zwar lehrt er weiter zu Hause, seine Vorlesungen sind auch hervorragend besucht, aber die meiste Zeit ist er unterwegs. Die "institutionelle Revolution" auf dem südamerikanischen Subkontinent begeistert ihn. Viele Länder versuchen, sich gleichzeitig zu demokratisieren und der Weltwirtschaft zu öffnen. Und wenn die Staaten das nur richtig machten, glaubt der junge Mann aus Harvard, kämen sie zu Wohlstand und Stabilität.

Wenn die Volkswirtschaft krankt, kommt der Doktor aus Harvard

Bald sieht sich Jeffrey Sachs als "klinischer Ökonom". Wie ein Arzt wird er ans Bett kranker Volkswirtschaften gerufen. Dort erstellt er ein Krankheitsbild, sorgt für Nothilfe und entwickelt mit dem Patienten eine Therapie. Als er nach Bolivien kam, habe er nur die Theorie im Gepäck gehabt, sagt Sachs. Dann begann der Arzt im Praktikum dazuzulernen, mit jedem neuen Fall etwas mehr. "Die ökonomischen Werkzeuge werden immer genauer", sagt er. Heute könnten Ökonomen die Geschehnisse der Wirtschaftsgeschichte besser denn je verstehen – und im Vergleich daher auch aktuelle Fälle. Leider hätten mächtige Institutionen wie der Internationale Währungsfonds viele Erkenntnisse zugunsten einer "Mainstream-Rhetorik" links liegen gelassen.

Auch in der Welthandelsdebatte wehrt er sich gegen den Mainstream. Vom Gipfel, der diesen Sonntag im mexikanischen Cancún zu Ende geht, erwartet er wenig. Erstens sei die schlichte Forderung nach "mehr Handel" naiv: Wenn der Norden seine Weizenbauern nicht mehr unterstützt, freuen sich zwar Weizenexporteure wie Argentinien, aber die ganz armen Länder sind Weizenimporteure, die dann ihre Einfuhren teurer bezahlen als zuvor. Zweitens sei die Grundidee des " Trade, not Aid", also Entwicklungshilfe durch Freihandel zu ersetzen, Propaganda aus den USA, und andere Regierungen fielen darauf herein. Die Amerikaner hofften, auf diese Weise Handelsgrenzen in Europa zu knacken und Entwicklungshilfe zu sparen. "Natürlich ist es gut, wenn die Handelsbarrieren weichen", sagt er. Aber arme Länder brauchten Hilfe, um Schulen zu bauen, Krankheiten zu bekämpfen oder die Wasserversorgung auszubauen.

Sachs hält sich seine Unabhängigkeit zugute. Für den Wirtschaftsarzt zählen seine Daten und Diagnosen. Auf die medizinische Sprache ist er verfallen, weil er mit einer Ärztin verheiratet ist, die großen Einfluss auf ihn hat. "Meine Familie ist etwas ganz Besonderes", sagt Sachs über seine Frau und die drei Kinder. Seit 18 Jahren ist er unterwegs, und zu Hause unterstützen sie seine Arbeit. Er hatte also freie Bahn, als der Ostblock zerfiel und im Westen nach Ratgebern suchte.

In Polen, einem finanziell kaputten Land, schauen Ende der achtziger Jahre viele Experten auf Lateinamerika – und auf den klinischen Ökonomen aus Harvard. Schon im Januar 1989, fast ein Jahr vor dem Mauerfall in Berlin, lädt ihn ein Regierungsmitglied nach Warschau ein. Doch Sachs gibt den Kommunisten einen Korb. Zehn Wochen später schließt das Regime einen Pakt mit Solidarno™ƒ. Nun kommt Sachs und lernt die Spitze der zuvor verbotenen Gewerkschaft kennen. Seine Botschaft: Sie müssen schnell die Macht übernehmen, und dann finden wir einen Weg aus der ökonomischen Misere. Leicht gesagt, das Land leidet unter galoppierender Geldentwertung, leeren Regalen, leeren Staatskassen. "Natürlich", sagt Sachs heute, "war die Lösung hypothetisch, niemand hatte so etwas ausprobiert." Quasi über Nacht schreibt Sachs schließlich einen Masterplan, quasi über Nacht soll die Planwirtschaft nun in eine Marktwirtschaft verwandelt werden, damit die "Rückkehr nach Europa", wie die Regierung sagt, gelingen kann. Die Preise sollen freigegeben werden, öffentliche Unternehmen privatisiert, Grenzen geöffnet, Staatsfinanzen saniert. Von allen Ostblockländern reformiert sich Polen am rabiatesten. Ob Polen später wie Schweden oder so wie Großbritannien aussieht, ist erst einmal unwichtig. "Wenn man mit Chaos und riesigen Schulden beginnt, muss man handeln", sagt der Doktor. Angst und Unruhe sind die Folge. Aber die vergleichsweise hohen Wachstumsraten in den neunziger Jahren stehen auf Sachs’ Habenseite.

Anfang der neunziger Jahre ist Sachs im gesamten Osten gefragt. Er kommt nach Jugoslawien und Slowenien, nach Estland, in die Slowakei und die Ukraine, nach Kirgisistan und in die Mongolei. In Westeuropa gerät der gläubige Pragmatiker Sachs in den Ruf eines neoliberalen Ideologen. Den Deutschen rät er, den Arbeitsmarkt in den neuen Bundesländern zu liberalisieren – und macht sich in dem wiedervereinigten Land unbeliebt. Sein schwierigster Fall, viele werden sagen sein Reinfall, kommt aber erst noch: Russland. Auf den ersten Blick sieht das sowjetische Problem nicht anders aus als das polnische, bloß größer. Im Jahr 1991 ist die Planwirtschaft am Ende, und Jeffrey Sachs hält Seminare mit den Chefplanern ab. Zusammen mit einem Harvard-Kollegen entwirft er wieder einen Plan, die "große Vereinbarung".

Die zentrale Idee ist typisch Sachs: Russland lässt sich auf radikale marktwirtschaftliche Reformen ein, der Westen erlässt dem ehemaligen Feind Staatsschulden und unterstützt ihn mit Abermilliarden Dollar. "Länder am Rande des Desasters brauchen drastische Reformen von innen und gewaltige Unterstützung von außen", meint Sachs. Ab Ende 1991 arbeitet er für den neuen Präsidenten Boris Jelzin und wirbt sowohl in Moskau als auch in Washington für seinen Plan. Vergebens, wie er sagt. Doch hier beginnt die Kontroverse. Zwar erreicht Sachs so gut wie nichts beim Währungsfonds und in der amerikanischen Regierung – "im Pentagon wollte man Russland nicht helfen, anders als Polen wurde es noch als Feind betrachtet", sagt er. Aber einzelne Radikalreformen kommen durch, mit unerwünschten Folgen: Viel Kapital kann infolge von Liberalisierung ins Ausland fließen. Und durch Privatisierung werden ein paar Männer nahe des politischen Machtzentrums über Nacht zu Milliardären.

Der Weltberater ist sein eigenes Produkt, sein Ruf ist sein Kapital

Jeffrey Sachs ist sein eigenes Produkt, sein Ruf ist sein Kapital, das er verteidigt. Okay, sagt er über Russland, er habe die amerikanische Haltung nicht erwartet, "und die Korruption war schon überraschend. Trotzdem lag ich auch in Russland richtiger als jeder andere. Mit der richtigen Politik könnte es ein normales Land sein." So weit die erste Verteidigungslinie, dann die zweite: "Es ist schwer, sich in einem Hurrikan Gehör zu verschaffen. Aber ich war nicht schlecht in Osteuropa und schaffte drei von vier Aufgaben." Die Dritte: "Ich kam erst nach dem Kollaps der Sowjetunion und arbeitete dort nur gut zwei Jahre." Vieles, wofür er verantwortlich gemacht wurde, sei erst später geschehen, während seine Ideen zum Teil nie umgesetzt wurden.

"Anscheinend distanziert er sich von Taten, die nicht als Erfolge gelten, und erwärmt sich für solche, die nach ihrem Ende als Erfolg gewertet werden", hat die Politikprofessorin Janine Wedel jüngst gesagt. Ihr Urteil zählt: Als Osteuropaforscherin konnte sie ihn beobachten. Damals sei auch unklar gewesen, kritisiert sie in der New York Times, mit wessen Geld er gerade arbeite und wen er repräsentiere – sich und sein Team, Harvard, eine internationale Institution, die USA, das Gastland. Ein deutscher Volkswirt bei der Europäischen Zentralbank lässt Sachs’ Entschuldigungen für Russland ebenfalls nicht gelten. "Sie sind ein Ausdruck von Naivität."

Man kann es auch anders sehen, ökonomischer. "Jeff hat entdeckt, wie er sich selbst am besten einsetzt und den höchsten Wirkungsgrad erzielt. Und das hat er immer wunderbar hinbekommen", sagt ein ehemaliger Student von ihm. Wenn ihn das Thema eines Schülers interessiere, sei er überaus hilfreich, aber echtes menschliches Interesse spreche daraus nicht. Fast immer ist er sachlich und freundlich, egal ob man ihn auf den verschneiten Sträßchen von Davos beim World Economic Forum trifft oder im heißen Singapur beim Asien-Gipfel. Und immer trägt er seine anthrazitfarbenen oder braunen Anzüge mit weißem Hemd und Krawatte, dazu praktisches Schuhwerk. Wer ständig auf Weltreise geht, kann nicht für jede Wetterzone vorsorgen.

Jeffrey Sachs ist ein brillanter Volkswirt, das bestreitet kaum jemand. Und ein Berater aus Leidenschaft, das sagen alle. Seine Währung ist nicht Geld, sondern Einfluss. Er glaubt an sein Fach und daran, dass er es besonders gut beherrscht. "Ich versuche dafür zu sorgen, dass die Globalisierung funktioniert", sagt er. Überall.

Im Jahr 1995 entdeckt Jeffrey Sachs den afrikanischen Kontinent. Nach dem Engagement in Russland ist es stiller geworden um ihn, obwohl er weiter die Erde umrundet und auch asiatische Länder berät. In Afrika findet er ganz eigene Probleme. Warum waren beispielsweise Ghana und Südkorea 1960 wirtschaftlich gleichauf, und heute liegen Welten zwischen ihnen? Das hat nichts mit falscher Zentralbankpolitik oder mangelnder Liberalisierung zu tun. Hier geht es um Hitze und Hunger, Krankheit und eine Lebenserwartung von 40 Jahren. Sachs sieht ein Problemfeld, das Entwicklungsökonomen nicht hinreichend beackern. Er beginnt zu forschen.

Bald hat er eine neue Botschaft: Die ärmsten Länder sind zum Teil unverschuldet in ihre Misere geraten. Malaria und andere Krankheiten rauben den Volkswirtschaften ihre Kraft. Es könne kein Zufall sein, findet Sachs, dass die Armut der Welt sich auf die Tropen und Subtropen konzentriert, wo diese Krankheiten wüten. Mitte der neunziger Jahre haben von Malaria heimgesuchte Länder ein durchschnittlichen Volkseinkommen von rund 1500 Dollar pro Kopf, die anderen mit 8200 Dollar mehr als das Fünffache. In großen Studien berechnen Sachs und seine Leute, welch immense Wohlfahrtsverluste die Malaria auslöst. Die Gesellschaften müssen ihr Geld nicht nur für Medikamente ausgeben. Wo Menschen früh sterben, wird weniger in Bildung investiert. Und wo viele Kinder sterben, steigt die Geburtenrate. Zudem meiden ausländische Investoren solche Länder ebenso wie Touristen und Handeltreibende. Kein Wunder also, dass Volkswirtschaften mit Malaria zwischen 1965 und 1990 durchschnittlich um 0,4 Prozent im Jahr gewachsen sind, die anderen aber um 2,3 Prozent. Dann ist Aids gekommen und hat das Problem potenziert.

Wenn die Selfmade-Institution namens Sachs sich eines solchen Themas annimmt, entsteht Aufmerksamkeit. Der Ökonom verbreitet seine Botschaft in wissenschaftlichen Zeitschriften, in Magazinen, Zeitungsinterviews und im Fernsehen. Natürlich will er das Problem angehen, verkleinern, lösen. Und natürlich wartet er mit einem Plan auf: Reiche Länder müssen in ganz anderem Umfang als bisher helfen, die Krankheiten und ihre Folgen zu bekämpfen. Unterstützt von Kofi Annan und den UN kämpft er für einen globalen Gesundheitsfonds von zehn Milliarden Dollar – oder, wie er argumentiert, um zehn Dollar von jedem der eine Milliarde Bürger in den Industrieländern.

Jeffrey Sachs kennt die Marketingseite seines Geschäfts. Auf dramatische Weise rechnet er vor, wie viele Milliarden Dollar Hilfe wie viele Millionen Leben retten würden. Einige Ökonomenkollegen finden das unseriös, und Sachs gibt gerne zu, dass die Zahlen auch etwas anders sein können. Aber für viele Entwicklungshelfer ist er der beste neue Freund, weil er nicht nur mit moralischen Verpflichtungen argumentiert, sondern auch mit Kosten und Nutzen: Das Investment rentiert sich – in Form von geretteten Leben und Wachstum, das wiederum Nachfrage auf den Weltmärkten bedeutet.

Oft klingt Sachs heute wie ein Linker. Es frustriert ihn, dass die "reichen Länder vor allem auf dem Papier" helfen. Viele hätten ihren Beitrag zum Gesundheitsfonds noch nicht geleistet, schimpft er. Er pocht auf ihr Versprechen, 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung für Entwicklungshilfe auszugeben, und formuliert im Auftrag der UN hoch ambitionierte Entwicklungsziele. Immer wieder kritisiert er die "desaströse" Politik seines Landes. "Die Regierung der USA gibt 100 Milliarden für den Krieg aus und 200 Milliarden für Steuerkürzungen und sagt, sie habe kein Geld für Entwicklungshilfe." Diese Ignoranz, diese Arroganz: Die Ölmanager an der Spitze der USA kennten die fernen Länder kaum, meinten aber zu wissen, was dort zu tun sei. Früh hat er vor dem Chaos nach einem Irak-Krieg gewarnt – und im Kampf gegen den Terrorismus angemahnt, dass Entwicklungsländer eine Perspektive brauchen.

Wäre er nicht krank geworden, dann wäre er vergangenen Januar erstmals seit vielen Jahren statt zum Unternehmergipfel nach Davos zum Weltsozialforum nach Porto Alegre geflogen. Zu seinen Freunden zählt Bono, Sänger der Rockgruppe U2, der sich weltweit im Kampf gegen die Armut engagiert. Gemeinsam sind sie gereist und aufgetreten. Neulich sei ihr Wagen hinterher von kreischenden Mädchen umringt gewesen, erzählt Jeffrey Sachs mit trockenem Lachen, und er habe zu Bono gesagt: "Das passiert uns Makroökonomen ständig."

Sachs nennt selbst den Vorwurf gegen ihn. Früher sei er ein Hurensohn gewesen, und heute blute ihm das Herz. Stimmt nicht. Er kämpfe heute nur für eine andere Sache. Und er hat die Bedeutung von "Kontext" gelernt. Dass die geografische Lage in den südamerikanischen Bergen Bolivien benachteiligt, hat er damals nicht gesehen. Auch wie sehr Russland darunter zu leiden haben würde, dass eine funktionierende Bürgergesellschaft fehlt, hat er damals unterschätzt. "Der Markt gedeiht nur in einer bürgerlichen Gesellschaft", schrieb er 1999. Und heute sagt er: "Ich kann Kontext verstehen, ich habe mittlerweile in 75 Ländern gearbeitet."

Er kann Fehler zugeben, aber nicht an sich zweifeln.

Das bescheidene Ziel: Sachs will eine neue Disziplin begründen

So krass, wie sie scheint, ist seine Wandlung tatsächlich nicht. Lange schon hat er den Währungsfonds kritisiert, der allerorten Standardrezepte durchsetzte. Immer hat er den britischen Nationalökonomen John Maynard Keynes bewundert, weil der die Zusammenhänge von Wirtschaft und Politik verstanden habe. Und relativ früh hat er die Gesundheit ins Zentrum der Entwicklungstheorie gerückt.

Nun legt er für sein Earth Institute in New York ein großes Forschungsprogramm auf, das die Entwicklungslehre verbinden soll mit Erdkunde, Biologie, Technik, Soziologie und Gesundheitsökonomie. Das Ziel ist unbescheiden. "Wir versuchen, eine neue Disziplin zu entwickeln, so wie aus Biologie und Chemie die Biochemie entstanden ist", erklärt der Chef. Man dürfe physische Probleme wie Überdüngung oder Wetter nicht von den sozialen trennen. Er liegt im Trend. Heute wachsen die Zweifel an der herrschenden Ökonomie. Diese Standardlehre "ist von geringem Nutzen", sagt Sachs, sie habe kaum noch Verbindung zur Öffentlichkeit. Tatsächlich schrumpfen die Reihen ökonomischer Bücher in den Läden, und junge Ökonomen suchen lebensnähere Ansätze.

Der Kämpfer gegen den Mainstream ist wieder obenauf. Seine Wandlung reflektiert die schleichenden Veränderungen in der Ökonomie. Die Diskussion um die Globalisierung ist pragmatischer geworden – selbst im Währungsfonds gilt die reine Lehre nicht mehr alles. Aber Sachs ist nicht nur ein Trendsetter, sondern auch ein Trendsurfer. Er müsse glaubwürdig sein für seine Kunden, die Regierungen, sagt der Entwicklungsdoktor. Ja, aber auch attraktiv. Nur dann bekommt er die Gelegenheit, "die Dinge voranzutreiben", wie er sagt. "Diesen Sommer habe ich vielleicht mit 25 Regierungschefs geredet. Sie vertrauen mir", sagt Jeffrey Sachs. Da klingen Spaß, Stolz, Verpflichtung durch. Keine Frage, Sachs will am Ball bleiben, in seinem Fall am Erdball, und mindestens insofern ist er sich treu geblieben.