Ein Ding, ein gewaltiges. Und als solches auch ein Unding, ebenso gewaltig. Vielleicht gehen wir erst mal ein wenig drum herum? Etwa 720 Seiten – eine Distanz, die sich derzeit so leicht kein ernst zu nehmender deutscher Autor zutraut, geschweige denn ein österreichischer. Und die so leicht kein deutscher Verlag sich selbst und seinen Lesern zutraut. (Geschweige denn ein österreichischer.) Aber Umfang allein ist ja schließlich auch noch kein Gewinn, es sei denn – es sei denn, man zeigt, dass es kürzer nicht geht. Und das sieht hier – wir gehen mal ein bisschen näher ran – ganz so aus. Raoul Schrott hat sich vorgenommen, die Geschichte einer vor fünfhundert Jahren entdeckten Insel zu erzählen und derer, die auf ihr gelebt haben, und auch wenn es eine kleine Insel ist und nicht viele auf ihr Platz hatten, waren es doch genug im Lauf der Zeit, um eine Menge gelebtes Leben vor sich zu haben.

Diese Insel heißt wie der Roman und der Roman wie die Insel: Tristan da Cunha. So hieß der portugiesische Admiral, der sie 1506 zum ersten Mal gesehen hat, von weitem. Das war damals noch so, man konnte Amerigo heißen und einen ganzen Kontinent nach sich benennen lassen. Da Cunha also entdeckte die Insel, dachte aber nicht daran, sie zu betreten. Er sah sie, malte einen Kringel auf seine Karte und schrieb seinen Namen daneben. Und ein halbes Jahrtausend später schrieb jemand noch einmal diesen Namen und neuerlich den seinen daneben: Raoul Schrott.

Doctor Livingstone, I presume? Die Zeiten sind vorüber, da Sätze wie dieser in den Urwäldern unerschlossener Kontinente gerufen wurden, nur von Ureinwohnern belauscht, die sie von Dorf zu Dorf trommelten, bis sie zuletzt in den Clubs von London und in den Herzen aller jungen Männer der weißen Welt angekommen waren. Was den Erlebnisurlauber von heute zwischen Trekking und Kidnapping erwartet, hat ja mit den Gefahren und Exaltationen der Entdecker früherer Jahrhunderte kaum etwas gemein. Der Inszenierung sinnloser Gefahren winkt der Lohn der Menschheit jedenfalls nicht.

Was diese Menschheit nicht davon abhält, fasziniert zu sein – sieben vorbei, acht verweht! – von jenen Zeiten, in denen die Erdkarte noch weiße Flecken zeigte, so wie die Lebenskarte jedes Einzelnen heute noch. Entdecken, erforschen, sich aufmachen ins Unbekannte, Ungewisse, vielleicht sogar Unerreichbare, das war ein Menschentraum und bleibt es, so viel kann gar nicht erkundet sein. Schrott kennt diesen Traum und ist davon, selbst wenn er selbst gar kein Träumer sein sollte, umso mehr angezogen. Immer schon.

Die Ferne, die Fremde. Die Entdecker, die Verräter

Denken Sie sich einen, der einen Roman schreiben will, einen großen, besonderen, überraschenden. Den die Unruhe, die ihn seit langem umtreibt und nicht immer nur glücklich macht, dazu zwingt, etwas herzugeben. Er konzentriert sich auf einen Punkt, eine Insel, die extremste, Tristan da Cunha, 37 Grad südlicher Breite, 12 Grad westlich, ziemlich genau zwischen Buenos Aires und Kapstadt. Wollen Sie da hin? Okay, aber auch bleiben? Raoul Schrott hat – und jetzt gehen wir noch einen Schritt näher an dieses Buch heran –, Raoul Schrott hat sich umgesehen, was über diese Insel und ihre Umgebung zu lesen ist, und hat dabei erfahren, wer dort gelandet und geblieben und gestorben ist in all den Jahrhunderten. Und davon berichtet er: von dem Portugiesen, der der Erste war, von Jonathan Lambert aus Massachusetts, der mit zwei anderen dorthin kam, um eine unabhängige Republik zu gründen mit einem höchst ehrenwerten Grundgesetz, und er erzählt von denen, die die Urväter der sieben Familien wurden, die die längste Zeit die einzige Sippschaft der Insel waren. Und natürlich erzählt er von dem alle überraschenden Ausbruch des Vulkans, der diese Insel ist, im Jahre des Herrn 1961: Alle 264 Einwohner wurden gerettet und nach England gebracht, und nahezu alle kehrten unserer Zivilisation bald den Rücken und auf die Insel zurück, nach Hause.

Davon erzählt dieses Buch, wenn auch nicht nur, bei Gott. Schrott hat das Nacheinander in Gleichzeitigkeit verwandelt, die vielfältige Historie zum Zopf geflochten, die Geschichte zu Geschichten gemacht, deren Lücken – jede Geschichte hat welche – aufgefüllt und sie vier Figuren zugeordnet, die irgendwann irgendwie mit Tristan da Cunha zu tun hatten. Vier sind es, wir zählen sie hier nicht auf, die uns abwechselnd berichten, was ihnen widerfahren ist auf dieser Insel, auf dem Weg zu ihr oder auf dem Weg zu sich. Müßig, zu sagen, dass diese vier der eine sind, der hier erzählt und schreibt, Raoul da Cunha.

Seegeschichten sind Männergeschichten, das haben uns die großen Vorgänger Melville, Stevenson oder Conrad gezeigt. Hier aber wird der Wellenschlag zum Herzschlag, der die Männer antreibt, weil sie lieben. Und damit sind wir nun im Zentrum des Romans.