Im Jahr 1995 reservierte ein gemeinsamer Bekannter einen Tisch auf den Namen Wolfram Siebeck. Alles, was ich bis zu diesem Tag über Siebeck wusste, wusste ich aus den verschiedenen deutschen Magazinen, die mir die Gründer des El Bulli regelmäßig gezeigt hatten. Sie hatten mir von seinem großen Ansehen erzählt, welch ausgezeichneten Ruf er genießt und welch eine ernsthafte und anspruchsvolle Persönlichkeit er sei.

Nachdem Siebeck mit dem Essen fertig war, ging ich hinaus, um ihn zu begrüßen. Ich fand ihn mit hoch erhobenen Händen vor. »Was ist passiert?«, fragte ich. Und er rief: "Ich verstehe nicht, wieso dieses Restaurant nicht voll ist!"

In diesem Moment sah Wolfram Siebeck die Zukunft des El Bulli, wie es nur wenige taten. Er sah voraus, was ich selbst mir nicht einmal in meinen kühnsten Träumen vorzustellen wagte.

Wir unterhielten uns noch eine Zeit lang, und dabei bemerkte ich, dass ich es hier nicht nur mit einem Experten in Sachen Kochkunst zu tun hatte. Sondern mit einer Person, die mit einer unglaublichen Sensibilität gesegnet ist, was Kreativität und Kultur betrifft. So jemand war mir noch nie begegnet; jemand mit solch außergewöhnlichem Talent der kritischen Beurteilung. Siebeck sagte nicht einfach: »Das mag ich.« Oder: »Das mag ich nicht.« Ob es sein persönlicher Geschmack war oder nicht – für ihn gab es immer eine begründete Erklärung.

Unsere Beziehung während dieser Jahre baute auf vielen Besuchen Siebecks im El Bulli auf und auf den angeregten Gesprächen, die wir immer nach dem Essen führten. Diese Gespräche brachten mich dazu, über meine Arbeit nachzudenken, und nach jedem unserer Gespräche wuchs meine Bewunderung für ihn.

Ich glaube, dass man die europäische Gastronomie ohne Wolfram Siebeck nicht verstehen kann. Andere europäische Journalisten, mit denen ich über Siebeck sprach, sagten mir, dass er für sie so etwas wie ein Bezugspunkt sei.

Wolfram Siebeck, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Danke für alles, was Sie für die Gastronomie getan haben. Danke dafür, dass Sie dazu beigetragen haben, dass ich meiner Philosophie treu bleiben konnte!

FERRAN ADRIÀ gehört mit dem, was er in seinem Restaurant El Bulli in Roses an der Costa Brava serviert, zu den berühmtesten und umstrittensten Köchen der Welt. Einen "Verrückten" nannte Wolfram Siebeck den Katalanen, aber auch: einen "Kochkünstler in des Wortes wahrster Bedeutung". Der Originaltext von Ferran Adrià wurde aus dem Spanischen übersetzt von Therese Lechner