Wer sich im Westdeutschland der siebziger und achtziger Jahre mit DDR-flüchtigen Verwandten über Terrorismus, Atomkraft, Nachrüstung auseinander setzen musste, bekam oft zu hören, die ganze Kritik an der Bundesrepublik sei "sowieso vom Osten gesteuert". Darauf bellte man als engagierter junger Mensch "Revanchismus" zurück und erklärte die Debatte für erledigt.

Sie ist nicht erledigt. Sie fängt gerade erst an. Günter Wallraff soll nach Stasi-Akten als IM Wagner tätig gewesen sein. Wallraff entgegnet, er sei bei seinen Kontakten zu den DDR-Offiziellen nie "eine Verpflichtung eingegangen".

Das mag sein. Hat er die DDR-Archivmaterialien, die ihm zur Verfügung gestellt wurden, für eine kostenlose Dienstleistung gehalten? Es fällt schwer, einem Schriftsteller, der immer wieder in die Agenten-Rolle geschlüpft ist, Naivität in konspirativen Dingen abzunehmen. Wallraff hat mit Courage und Chuzpe einen privaten Ein-Mann-Geheimdienst betrieben. Seine großen Texte, in denen er als Hilfsarbeiter, als Rechtsradikaler, als Bild- Reporter Hans Esser und als Türke Ali selbst die Hauptrolle spielte, sind Agenten-Schelmenromane.

Wer sie wieder liest, wird erstaunt sein, wie durchdringend überall der Generalbass des Faschismusverdachts wummert. Ungerechtigkeit, Dummheit und Manipulation werden durchweg als Widerschein des NS-Unrechts oder als Vorschein eines Vierten Reiches dramatisiert. Dass sich vier Millionen Leser für das Schicksal des Türken Ali interessierten, durchkreuzt die schlichte Lektion, die Bundesrepublik sei ein durchweg inhumanes und ausländerfeindliches Land. Dennoch ließ Wallraff die DDR-Lizenzausgabe 1986 mit einem Vorwort erscheinen, in dem vom "System" geraunt wird, "das Ausländerhaß zeugt" und "Sklaven" hält wie einst der Faschismus.

Der Schriftsteller Günter Wallraff sah sich als Partisan im Weltbürgerkrieg: "Ihr da oben, wir hier unten", so einfach war seine Welt. Er habe, sagt er, nicht "im Lager der Faschisten" stehen wollen. Wer den Faschismus zu bekämpfen hatte, konnte in Fragen politischer Hygiene nicht pingelig sein. Ekel löste der Kontakt mit Bild- Redakteuren aus, nicht der Handschlag mit dem Stasi-Oberst.

Man sollte die Gelegenheit nutzen, sich an diesen Ekel zu erinnern, an den abgrundtiefen westdeutschen Selbsthass, der Wallraffs Werk durchzieht. Es geht nicht darum, diese Mentalität jetzt zu denunzieren: Ohne ihre historisch unvermeidliche permanente Selbstverdächtigung ist die Bundesrepublik im Guten wie im Schlechten nicht zu verstehen – dieses merkwürdige Land, in dem erstmals in der deutschen Geschichte das Dagegensein als akzeptierte Form von Dabeisein kultiviert wurde. Wer das für eine Errungenschaft hält, muss aber auch über die weit verbreitete strategische Kumpanei mit der SED-Diktatur reden, über die politische Blindheit, die derselben Quelle entsprang.

Günter Wallraffs Fall gibt einen guten Anlass dazu, auch wenn er nicht "vom Osten gesteuert" war. Er zeigt, dass es der Steuerung gar nicht bedurfte.