Die zwei Männer haben vieles gemeinsam. Beide sind Ingenieure und Chefs von mehreren tausend Mitarbeitern. Der 52-jährige Peter Claussen leitet das neue BMW-Werk in Leipzig, der 59-jährige Ralf Simon die Geschäftseinheit Schwere Reihe bei MAN Nutzfahrzeuge, mit Fabriken in Salzgitter, München und Penzberg.

Dennoch könnte ihre Gemütslage kaum unterschiedlicher sein.

Claussen darf in Leipzig bis Ende 2004 mehr als 5000 neue Arbeitsplätze schaffen - und findet das "einfach genial". Simon muss im gleichen Zeitraum mehr als 370 Arbeitsplätze vom bayerischen Penzberg ins polnische Starachowice verlagern - und findet, dass das ganz und gar "keinen Spaß macht".

Die beiden Fälle werfen ein Schlaglicht auf die in den vergangenen Wochen und Monaten wieder heftig entbrannte Diskussion um den Standort Deutschland. Erst schockte eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) die Nation, wonach "fast jedes vierte deutsche Industrieunternehmen" in den nächsten drei Jahren Teile der Produktion ins Ausland verlagern wolle. Dann drohten während des Metallerstreiks in Ostdeutschland Automanager mit Konsequenzen. BMW müsse seine zukünftige Investitionsstrategie für den Standort Leipzig überdenken, warnte Personalvorstand Ernst Baumann. Opel-Chef Carl-Peter Forster rühmte die polnischen Arbeiter, die die gleiche Qualität zu einem Fünftel der deutschen Löhne produzierten.

Steht also der krisengebeutelten Republik eine neue Verlagerungswelle bevor? Wandert jetzt auch noch die deutsche Schlüsselindustrie, die Kfz-Branche, ab?

Kein Industriezweig hat in den vergangenen Jahren mehr Jobs in Deutschland geschaffen als die Autobauer. In der großen Restrukturierungswelle Anfang der Neunziger hatten sie zwar hierzulande mehr als 160 000 Arbeitsplätze wegrationalisiert, aber seit 1994 stellten sie in Deutschland wieder mehr als 110 000 neue Mitarbeiter ein. Jetzt verdienen wieder gut 770 000 Menschen bei den Herstellern und deren Zulieferern ihr Geld. Rechnet man die rund eine Million Menschen hinzu, die in vorgelagerten Branchen wie dem Maschinenbau, der Stahlherstellung, Kunststoff- oder Chipproduktion tätig sind, kommt man "auf einen Beschäftigungseffekt von 1 770 000 Menschen", rechnet Siegfried Roth, Automann beim IG-Metall-Vorstand in Frankfurt, vor.