Wer liest noch die Schlagzeilen mit der Sorgfalt eines Studienrates? Gesundheit, Rente, Steuern, was den Hinterbänklern so einfällt, um 15 Minuten Aufmerksamkeit zu ergattern – die Parolen versinken im Schwall der Worte. Denn das Hirn arbeitet ökonomisch. Es muss sich nicht merken, was morgen nicht mehr gilt. Der gewitzte Wähler hat gelernt, dass die "schwatzende Klasse", Politiker wie Medien, keinen verbindlichen Diskurs führt; kaum gefunden, gerät jeder Entwurf zur Einladung, ihn wieder zu kippen.

Unverbindlich? Ja, aber nicht unverändert. Eine mentale Revolution greift Platz, das Bewusstsein der Deutschen wandelt sich – zugunsten des Wandels. In ihrer just veröffentlichten Studie Das aktuelle Reformklima spricht Renate Köcher vom Institut für Demoskopie von der "wehmütigen Kapitulation". Die Deutschen finden sich damit ab, dass der generöse Sozialstaat von ehedem nicht mehr zu halten ist. Der Bürger, das zeigt die Erhebung, begreift, was die Regierenden ihm so lange nicht zumuten wollten: All die schönen Dinge, die ihm der Staat in einem fünfzigjährigen Leben, seit 1949, "geschenkt" hat, von der Kur bis zum Kindergarten, ist nicht mehr Verteilungs-, sondern Verhandlungsmasse. Anrechte werden nun abgerechnet.

Die Not zeugt den Realismus

Den Wandel messen am besten die Antworten auf die Frage, ob das Wörtchen "Reformen" sympathisch sei. Vor zehn Jahren bekundeten 48 Prozent derlei Wohlgefühl, jetzt sind es schon 63. Doch ist diese Meldung von der Bewusstseinsfront zu abstrakt. Wie sieht es im Konkreten aus?

Der Reformeifer wallt über, wo das Prinzip aufscheint: "Den Gürtel enger schnallen, aber bitte beim anderen." Folglich sind fast zwei Drittel dafür, die "Sozialhilfe auf wirklich Bedürftige zu beschränken". Interessanter ist, dass immerhin drei Fünftel "flexiblere Arbeitszeiten" wünschen, was nicht jeden Gewerkschafter erfreuen wird. "Verkürzung der Genehmigungsverfahren"? Dafür votiert mehr als die Hälfte, und selbst für die Lockerung der Handwerksordnung, die Kaiser, Weimar und Hitler überlebt hat, kommen 45 Prozent zusammen. Langsam macht sich also Unvertrautes breit: dass verbriefte Vorrechte wettbewerbsfeindlich und somit preistreibend sind.

Noch interessanter aber wird es, wo das drohende Desaster den Realismus zeugt. Wozu wäre der Einzelne bereit, wenn der Arbeitsplatz wankt? "Mehr arbeiten ohne mehr Lohn", eine De-facto-Lohnkürzung? Dafür optieren 71 Prozent. Verzicht auf Sonderleistungen wie Weihnachtsgeld? Ebenfalls 71 Prozent Zustimmung. Lohnkürzung, um den Arbeitsplatz zu retten? 53 Prozent. Der bis dato unverrückbare Kündigungsschutz steht nicht mehr so festgemauert in der Erde. In sechs Jahren ist die Zustimmung zur Lockerung von 27 auf 38 Prozent gewachsen, zu innerbetrieblichen Lohnabschlüssen allein in den letzten Monaten von 37 auf 45 Prozent.

Was mögen Parteien und Gewerkschaften (mit ihrem rasanten Mitgliederschwund) aus solchen Daten schließen? Ein Wort der Vorsicht vorweg: Derweil sich der Sinn für die Realitäten schärft, bleibt deren Akzeptanz begrenzt. Ein hübsches Abbild dieser Schere liefert das Thema Lebensarbeitszeit. Eine solide Mehrheit von 62 Prozent hält die Verlängerung für unumgänglich, doch nur ein Fünftel für "zumutbar". Auch die Kürzung von Renten und Gesundheitsleistungen verweigert ein Fünftel. Die Sympathie für "Reform" verkehrt sich in puren Widerwillen, wo mehr Selbstverantwortung oder weniger Wohltaten auf dem Programm stehen. Lieber wollen die Leute höhere Beiträge zahlen als auf staatlich garantierte Gesundheitsangebote verzichten.

Und die andere, die hellere Seite der Medaille? Der deutsche Mensch ist nicht so verstockt und vergangenheitsverliebt, wie die Politiker fürchten. Gehen wir einen Schritt weiter: Die Gewählten haben mehr Einfluss auf die Köpfe der Wähler, als sie in ihrer panischen Angst vor Stimmenverlust wähnen. Auch in Zeiten postmoderner Beliebigkeit steht das Wort "Führung" noch im Duden. Im Gegenteil darf man unterstellen, dass der Diskurs-Wechsel der Regierung Schröder – weg vom Lafontainismus im Wahlkampf 98 hin zur Agenda 2010 – den Bewusstseinswandel mehr befördert hat als jede Arbeitslosenstatistik. Kanzler und Kandidaten sind nicht willenlose Sklaven der Wahlforschung, sondern Takt-Geber und agenda-setters .