Bei manchen Geburtstagsfeiern muss man froh sein, dass der Gefeierte verhindert ist, denn wie würden die platten Elogen auf ihn wirken, die ihn als von der Geschichte überholten, neutralisierten Klassiker in den Saal der Vergangenheit verweisen? Progredierende Herrschaft über innere und äußere Natur, totale Vergesellschaftung, psychische Regression und objektiver Verblendungszusammenhang? Alles nur Kokolores, mit dem man nicht mal zum Staatsphilosophen der Bundesrepublik Deutschland taugt. Schließlich ließ die "kristallklare Fundamentalkritik" von Habermas Adorno schon lange als Bergmann ohne Licht erscheinen, dessen Analysen der objektiven Tendenz des Zeitalters und der immanenten Dialektik der Aufklärung sich mit der "Vollendung des Projekts der Moderne" (Habermas) kaum vereinbaren ließen.

Schade nur, dass die von Habermas supponierte Engführung von Adornos Kritik der identitätslogischen Vernunft auf den thematischen Zusammenhang von Verdinglichung und instrumenteller Vernunft so wenig stichhaltig ist wie der Vorwurf des Verhaftetseins in der Bewusstseinsphilosophie. Die von Habermas vollzogene "Depotenzierung der kritischen Theorie" (Breuer) kündet - wie die Position Assheuers - bestenfalls von einem idealistischen Vernunft- und Fortschrittsglauben, der die spezifische Dimension des 20. Jahrhunderts leugnen (Zizek) und den inneren Zusammenhang von westlicher Demokratie und "Totalitarismus" als bloß kontingenten Umweg in der Heilsgeschichte der kommunikativen Vernunft abtun muss.

Nur: "die Grundverfassung der Gesellschaft hat sich nicht geändert" (Adorno), und unser historischer Moment ist nach wie vor der Adornos (Zizek), dessen radikale Analyse der kapitalistischen Gesellschaft die hegemonialen ideologischen Koordinaten selbst infrage stellt und jede ideologische Vergoldung der postdemokratischen Spektakelgesellschaft, der politischen Form des transnationalen Kapitalismus, perhorresziert. "Das Gefasel von den Werten" (Adorno), das als billiges Surrogat von Kritik fungiert, wie das durchsichtige Quidproquo, das Gesellschaftstheorie durch Ethik ersetzen will, ist demgegenüber Index eines theoretischen Niveaus, das eine sachhaltige Kritik an der Globalisierung des Kapitals, das erst jetzt die Ebene seines Begriffs erreicht, der Resurrektion des Imperialismus wie der progredierenden politischen Okkupation des menschlichen Lebens in der modernen Biopolitik a priori souverän verfehlen muss.

Nicht die Negativität Adornos, die der Autor auf ihr rechtes Maß zurechtstutzen will, ist so erschreckend, sondern die blinde Affirmation eines partikularen Allgemeinen, die sich als Kritik missversteht und den verbalen Feierabendrevolten der Political Correctness zutiefst affin ist.

Genauso subaltern die Dechiffrierung der "Weltgesellschaft ohne Terror" als Bild einer Zivilisation ohne Schrecken, wenn gerade die Gewalt ein Signum dieser "Weltgesellschaft" ist.

Manche toten Klassiker scheinen denn doch lebendiger und aktueller als ihre Grabredner.

Dr. Frank Buhren Duisburg