Diese Verwandlung tut schon beim Zuschauen weh. Die Stimmung ist düster, das Kostüm spannt, die Identität wird zum Gefängnis. Unter gut choreografierten Bewegungen und expressivem Gesang schlüpft aus einer schwarzen Larve ein strahlend weißer Falter, der sich zu guter Letzt aus einem Glaskäfig befreit. Wer es immer noch nicht verstanden hat, bekommt die Botschaft von der Künstlerin persönlich nachgereicht: Das Video zum Song Fighter, sagt Christina Aguilera auf MTV, sei mehr als bloße Fantasie. Die neue, die echte Christina fühle sich endlich "frei und rein".

Eine erstaunliche Wendung, selbst im an Metamorphosen jeglicher Art gewohnten Popgeschehen. Christina Aguilera, das war doch gerade noch das all-American girl, das von allen, bevorzugt von Männern, als singende Barbie-Puppe verspottet wurde – schön, fröhlich, vital, aber auch bar jeglicher Schattenseiten oder gar Abgründe. Das perfekte Rollenmodell für Mädchen eben, die sich von Kaugummi ernähren und deshalb gern Kaugummi-Pop hören. Und so eine soll plötzlich der eigenen Existenz überdrüssig geworden sein, offenbart in Interviews ungefragt Geheimnisse einer geschundenen Seele, als da wären: der prügelnde Vater, der Stress, die vielen Umzüge der Familie, die sie ihren Freundinnen entfremdet haben…

Mit der Veröffentlichung ihrer Memoiren hat die erfolgsgewohnte Christina, eben erst 22 geworden und neuerdings verwegen "Xtina" geschrieben, noch nicht gedroht, doch ihr neuer Bekenntnis-Style passt nicht schlecht in eine Mainstream-Pop-Szenerie, die sich nach ein wenig Authentizität sehnt. Marionetten hat die Musikindustrie in den letzten Jahren bis zum Überdruss hergestellt, der neue Clou sind Produkte mit Seele, Striptease-Artisten einer Innerlichkeit in der totalen Äußerlichkeit, Stars, die öffentlichkeitswirksam an ihrem eigenen Warendasein leiden. Man kann die Arena nicht verlassen, aber das will im Ernst auch niemand. Bloß ist nach all den Jahren echter Künstlichkeit jetzt wieder künstliche Echtheit gefragt.

Indizien dafür gibt es viele, und gerade in letzter Zeit häufen sie sich. Daniel Küblböck, dieses seltsame Produkt des Event-Fernsehens, veröffentlicht demnächst seine Autobiografie. Die No Angels, selbst Geschöpfe von Bertelsmanns Gnaden, begründeten ihre kürzlich erfolgte Auflösung als Band mit der permanenten Überforderung, die das Leben vor Publikum mit sich bringt. Und gerade die Gewinner der letzten TV-Casting-Shows wirken im Schnitt schmutziger, als die übliche Gebrauchsanweisung es erlaubt. Martin Kesici etwa (Angel of Berlin) wäre unter anderen Umständen ein Heavy-Metal-Freak aus der Vorstadt geblieben. So versorgt er die hiesigen Hitparaden mit einer homöopathischen Dosis Wildheit.

Aber auch die neue Garde der amerikanischen Teen- und Twen-Sängerinnen versucht seit längerem, eine "Bad Girl"-Note ins Mainstream-taugliche Konzept zu bringen. Neben Aguilera hat sich Britney Spears im Rollenfach des Nachwuchsvamps erprobt – wenn auch mit deutlich weniger Erfolg. Die punkig-trotzige Pink tritt in ihren Videos als schwer genießbare Göre auf, was zumindest einen aparten Hauch von Persönlichkeit ergibt. Die Musik zu diesen Szenarien stammt jeweils aus dem Arsenal der schwarzen Straßenkultur, die allerdings den Anforderungen der individualisierten Majoritätskultur angepasst worden sind. Während der Clinton-Ära gab es gelegentlich noch Inszenierungen von Solidarität und sozialem Veränderungswillen, seit Bush rockt der Soul – und ist doch so süß und weiß wie geschmolzenes Vanilleeis.

Niemand verkörpert diesen Wandel perfekter als die Soldatentochter Aguilera. Von all den US-Sängerinnen, die das Erbe Madonnas antreten wollen, hat sie die besten Aussichten, sich dauerhaft zu etablieren. Sie singt das Poplied vom neuen Popskeptizismus, als könnte sie die Glasfassaden der großen Shopping-Malls zum Zittern bringen, sie tanzt, als hätte sie nichts anderes im Sinn, als ihre männlichen Kollegen mit deren eigenen Mitteln zur Strecke zu bringen. Dass der Sex in Dirrty, diesem Video gewordenen Softporno vom vergangenen Jahr, dann doch vor allem einer kalorienverzehrenden Sportart ähnelt, dass dirty Xtina noch während der simulierten Akte mit den sie umgebenden Leibern wirkt, als schriebe sie gerade im Geiste einen Einkaufszettel, tut dem keinen Abbruch, im Gegenteil: Auch was Wandlungsfähigkeit anbelangt, ist Aguilera der möchtegernwilden Britney weit voraus.

Christina Aguilera ist der perfekte Popstar zur Zeit, die wandelnde Travestie, die Puppe in der Puppe: Wenn eine Rolle keine Abnehmer mehr findet, benutzt sie einfach die nächste, ja ihr Körper scheint selbst den Gesetzen der Mode zu folgen. Gerade noch färbte sie sich die weißblonden Haare schwarz, nahm – Skandal! – zehn Pfund zu, "stand" aber zu ihren "weiblichen Formen", wie das im Jargon der Leistungsgesellschaft heißt, wenn eine Frau die Grenzen des Untergewichts überschreitet; da erschienen auch schon in Vanity Fair die ersten Werbefotos ihrer kommenden Versace-Kampagne: plötzlich wieder blond, ungeschminkt und als Magerkeitsikone "schöner den je", wie in Bravo zu lesen war. Man kann das nur so verstehen, dass dieser Star über zwei perfekte Körper gebietet, den künstlich-mageren und den authentisch-kurvigen. Mit den Worten von Donatella Versace ausgedrückt: "Xtina ist jung, frech und sexy – eine irre Inspiration für das Modebusiness."

Dass Pop der Lifestyle-Industrie zuarbeitet, war schon immer so – Kritik daran wäre ebenso billig wie sinnlos. Die Teenager und jungen Frauen jedoch, die Christina Aguilera nacheifern, machen solche Botschaften nicht nur um ein Glücksversprechen reicher – auch ich kann so schön, so unverfroren und zugleich chamäleonhaft sein –, sie haben am Ende auch ein Problem mehr: Statt eines Rollenideals müssen sie gleich mehrere erfüllen. Auch wenn Aguilera gewiss keinen schlechteren Pop macht als viele ihrer männlichen Kollegen – es bleibt eine Tatsache, dass das für viele nicht gesund ist. Nach jüngsten Untersuchungen erlangen zwei Drittel aller Mädchen Schlankheit nur durch Essstörungen. Nie war die Zahl derer, die schon mit 20 eine Therapie hinter sich haben, größer als heute.