Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert. Frei nach Wilhelm Busch hatte die argentinische Regierung nichts zu verlieren, als sie sich in der vergangenen Woche weigerte, ein neues Kreditabkommen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zu unterzeichnen. Seit das Land vor eineinhalb Jahren gegenüber den privaten Gläubigern zahlungsunfähig wurde, ist Argentinien ohnehin das Sorgenkind. Und so führte das Tauziehen zwischen den IWF-Technokraten und der argentinischen Mitte-links-Regierung von Präsident Nestor Kirchner zum Eklat – dem größten Zahlungsausfall eines Landes in der Geschichte des Währungsfonds.

Zwar war der Spuk schon einen Tag später vorbei. Die argentinische Regierung beglich die ausstehenden 2,9 Milliarden Dollar an den Fonds. Einen Verlierer aber gibt es dennoch: den IWF. Die Vereinigten Staaten hätten dem Währungsfonds "den Boden unter den Füßen weggezogen", kritisiert Günther Köhne von der Dresdner Bank Lateinamerika. Mitten in die Schlussphase der Verhandlungen war US-Unterstaatssekretär Roger Noriega mit der Aufforderung geplatzt, der Währungsfonds solle "mehr Flexibilität" gegenüber Argentinien zeigen.

Dabei hatte der IWF in den Verhandlungen von Anfang an eine schwache Position. Ein argentinischer Zahlungsausfall hätte die multilateralen Kreditorganisationen in arge Bedrängnis gebracht, vor allem die Interamerikanische Entwicklungsbank (IADB), möglicherweise auch die Weltbank. Argentiniens Schulden bei der Weltbank machen etwa zehn Prozent des gesamten Kreditportfolios aus. Bei der IADB hält Argentinien gar 16 Prozent aller vergebenen Kredite. So wäre für die IADB nach einem Zahlungsausfall ihres zweitgrößten Schuldners – der größte Schuldner ist Brasilien – die Herabstufung der eigenen Kreditwürdigkeit unvermeidlich gewesen.

Kein Wunder, dass sich Argentinien schließlich in allen strittigen Punkten durchsetzte. Auf die IWF-Forderung, die angeschlagenen Banken durch staatliche Kompensationszahlungen für die Folgen der traumatischen Währungsabwertung vor eineinhalb Jahren zu entschädigen, geht das neue Kreditabkommen ebenso vage ein wie auf die Forderung, die Strom-, Gas-, Wasser- und Telekommunikationstarife neu festzulegen, das heißt: zu erhöhen. Die Tarife der größtenteils von europäischen Mutterhäusern kontrollierten Versorgungsunternehmen sind seit der Abwertung eingefroren. Insbesondere der Energiesektor kann nach eigenen Aussagen kaum die laufenden Kosten decken, geschweige denn notwendige Investitionen vornehmen.

Außerdem muss Argentinien im kommenden Jahr nur einen Haushaltsüberschuss von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Bedienung seiner gesamten Schulden aufbringen. Daher müssten sich Anleihebesitzer auf hohe Verluste bei der Umschuldung ihrer Argentinien-Anleihen gefasst machen, beklagten Finanzexperten. "Das Abkommen schützt die Interessen der Anleihebesitzer nicht ausreichend", meint Analyst Köhne.

Der populäre Präsident Kirchner hat als Sieger über den IWF nochmals Punkte in der Bevölkerung gesammelt. Die Regierung wähnt sich schon in einer "neuen Phase im Umgang mit dem IWF". Zum ersten Mal habe der Fonds sich an der sozialen Lage des Landes orientiert, triumphierte Kirchner.

Doch IWF-Chef Horst Köhler ließ auch nach Unterzeichnung der Absichtserklärung wenig Zweifel daran, dass sich seine Rezepte für ein sozial ausgewogenes Wachstum nicht geändert haben. Arme Länder könnten ihren Zustand am effektivsten verbessern, indem sie ein attraktives Investitionsklima schüfen und die Korruption bekämpften, verkündete Köhler.

Die argentinische Regierung stählt sich derweil schon für den nächsten großen Kampf. Direkt nach dem offiziellen Abschluss des IWF-Abkommens in Dubai wird das Land sein Umschuldungsangebot an die privaten Anleihegläubiger vorstellen. Dann dürfte es "lange Gesichter geben", warnte Wirtschaftsminister Roberto Lavagna bereits. Das Abkommen werde "glaubwürdig und zahlbar" sein. Damit seien die Anleihehalter in jedem Fall besser gestellt "als in der aktuellen Situation, in der sie gar kein Geld bekommen", so der Minister.