Enron, Worldcom und Co. sind am internationalen Kapitalmarkt heute Synonyme für die grenzenlose Gier von Vorständen, die vor nichts zurückschreckten – weder vor Betrug und Bilanzfälschungen noch vor Insiderhandel. Fehlgeleitete Individuen eben. Die Grundüberzeugung aber, dass gute Manager viel, ja, sehr viel verdienen müssen, wurde deshalb nicht infrage gestellt. Sie seien, so die Protagonisten zweistelliger Millionengehälter, der angemessene Ausgleich für außerordentliche Leistungen in einem marktorientierten Wettbewerb. Ausgerechnet Richard Grasso, der Chef der New York Stock Exchange (Nyse), entlarvt mit seinem absurd hohen Gehalt nun die ganze Argumentation als hohl. Denn der Chef der größten Börse der Welt ist der lebende Beweis dafür, dass ein exorbitant hohes Einkommen nicht zwingend mit Leistung, Brillanz oder gar Wettbewerb zu tun hat. Anfang der Woche häuften sich die Forderungen einflussreicher Börsenmitglieder und Fondsmanager nach einem Rücktritt Grassos. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe hielt der Börsenchef an seinem Posten fest.

Der 57-jährige Grasso und seine Vergütung sind zum Politikum geworden, weil er Ende August die hübsche Summe von 140 Millionen Dollar (125 Millionen Euro) einkassiert hat. Nicht als Gehalt, sondern als "Zusatzleistungen" wie etwa eine Betriebsrente über knapp 52 Millionen Dollar, 40 Millionen Dollar für besondere Leistungen wie seinen Einsatz für die Wiederaufnahme des Börsenbetriebes nach dem 11. September 2001 plus weitere knapp 48 Millionen Dollar aus besonderen "Anreiz-Programmen".

Der Sturm der Entrüstung flaute selbst zwei Wochen später nicht ab, als Grasso "freiwillig" auf Gehaltsansprüche über 48 Millionen Dollar verzichtete. Denn diese Gehaltsansprüche bestanden zusätzlich zu den bereits kassierten 140 Millionen, genau wie der Anspruch auf die Benutzung von Privatjets und den Schutz durch Bodyguards.

Das war selbst dem neidfreien und dem Kapitalismus stets aufs Engste verbundenen Wall Street Journal zu viel. Die überdimensionierte Vergütung könne nicht mit dem üblichen Kanon der Vorstandsvorsitzenden gerechtfertigt werden, mahnte das Blatt. Grasso sei schließlich keine Führungskraft, die Tag für Tag um Gewinne kämpfen müsse.

In der Tat: Die Nyse ist ein Quasimonopol. Sie gehört den Mitgliedern der Börse, muss keine Gewinne machen und ist durch viele Regeln vor zu viel Wettbewerb geschützt. Zum Beispiel darf niemand Aktien, die er auf dem Parkett der Nyse handelt, auf konkurrierenden elektronischen Plattformen kaufen und verkaufen. Ausländischen Börsen ist der Marktzutritt in den USA strikt verboten – aus Anlegerschutzgründen, versteht sich. Grasso ist also eher der Chef einer Behörde denn eines Unternehmens. Seine Leistung besteht im Wesentlichen darin, die Börsengebühren zu erhöhen, wenn die Ausgaben über den Einnahmen liegen. Und natürlich muss er die berühmte Börsenglocke läuten oder von bekannten Persönlichkeiten läuten lassen.

Was wäre die Messlatte für Grassos Lohn? Viele Kommentatoren verweisen auf das Gehalt des Chefs der Wertpapieraufsichtsbehörde (rund 140000 Dollar) oder das von Alan Greenspan (rund 170000 Dollar), in seiner Funktion als US-Notenbankchef unbestritten der mächtigste Mann am internationalen Finanzmarkt.

Zwei Thesen wetteifern um eine plausible Erklärung, warum Grassos Gehalt deren Einkommen aber so deutlich übersteigt: Bestechung oder Gier. Als Chef der Börse, die gleichzeitig eine sich selbst regulierende Anstalt ist, könnte Grasso mit dem hohen Gehalt gefügig gemacht worden sein, damit er beim Aktienhandel nicht zu genau hinschaue. Dieser Verdacht liegt nahe, Beweise gibt es dafür nicht.

Gier ist wahrscheinlicher. Schon der Blick auf die Entwicklung seines Gehaltes samt Zusatzleistungen legt den Schluss nahe, dass Grasso schlicht an der großen Bereicherungsparty an der Wall Street Ende der neunziger Jahre teilnehmen wollte (siehe Grafik). Und dass er nach demselben Muster handelte.