Die Republik erstarrt im Ritual. Da appelliert die Regierung an die gesellschaftliche Verantwortung der Betriebe; da wettern Gewerkschaften, es gebe unter den Firmen zu viele "Ausbildungsmuffel"; da kritisieren Unternehmen, dass viele Jugendliche nicht richtig rechnen, lesen oder schreiben könnten. Und was passiert? Jeder benennt den Teil des Problems, der ihm passt, aber im Ergebnis ändert sich nichts: In Deutschland mangelt es an Lehrstellen – seit Jahren schon, aber noch selten so gravierend wie 2003. DER KLINKENPUTZER: Harry Handke (links) sorgt für Lehrstellen

Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit ist die Zahl der angebotenen Lehrstellen im August gegenüber dem Vorjahr um 8,4 Prozent gesunken, gleichzeitig aber die Zahl der Bewerber um knapp ein Prozent gestiegen. Am ersten September begann in vielen Ausbildungsberufen das neue Lehrjahr, doch zu diesem Zeitpunkt gab es noch über 113000 Jugendliche, die keine Lehrstelle hatten. Gegenüber dem vergangenen Jahr ist das eine Steigerung von über 30 Prozent. Zwar wird bis Ende Dezember noch nachvermittelt, doch mehr Jugendliche denn je werden auf einen Ausbildungsvertrag verzichten müssen. Und viele verschwinden nur aus der Statistik, weil sie "zwischengeparkt" werden, zum Beispiel in einer so genannten berufsvorbereitenden Maßnahme.

Selbst wer eine Lehrstelle bekommt, kann noch eine böse Überraschung erleben: In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der insolventen Unternehmen stetig auf zuletzt 37500 gestiegen. 2003 dürften es deutlich mehr als 40000 sein. Das Risiko einer Firma, Pleite zu gehen, ist in den neuen Bundesländern dreimal so hoch wie in den alten. Und wer fertig ist mit der Maurer-, Schreiner- oder Kaufmannslehre, muss um die Übernahme kämpfen. Wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung herausgefunden hat, werden in den neuen Bundesländern nur rund 40 Prozent der Azubis übernommen, im Westen knapp 60 Prozent. Befristete Arbeitsverträge sind die Regel.

Es knirscht also im deutschen Ausbildungssystem. "Die Ausbildungsquote in den Großunternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten geht in den alten Bundesländern ganz erheblich zurück", sagt Klaus Troltsch vom Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BIBB) in Bonn. Zwar sank seit 1990 in der gesamten Wirtschaft der Anteil der Auszubildenden an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Bei den Großunternehmen aber war der Rückgang besonders drastisch. Der Rückgang ihrer Ausbildungsquote von 5,2 Prozent auf 4,3 Prozent bedeutet einen Verlust von 100000 Ausbildungsplätzen. Allianz, Commerzbank und Post – einer Umfrage der Berliner Zeitung zufolge schrauben diese Konzerne auch in diesem Jahr ihr Ausbildungsplatzangebot gegenüber dem Vorjahr weiter zurück. "Heute ist der Mittelstand der Träger der beruflichen Bildung", folgert Troltsch.

Aber auch dort geht die Quote zurück. Nur noch knapp ein Viertel aller deutschen Unternehmen stellt überhaupt Lehrlinge ein. Damit wächst der politische Druck, die übrigen zur Kasse zu bitten. Wie eine Ausbildungsplatzabgabe aussehen könnte, ist allerdings unklar. Müssten wirklich alle Firmen zahlen, und wenn ja, wie viel? Oder gibt es Ausnahmen für Kleinbetriebe und Existenzgründer? Vor allem: Was bringt die Abgabe – führt sie wirklich zu mehr Lehrstellen? Am Ende wird der Kanzler die Antworten geben müssen. Noch will Gerhard Schröder abwarten. Noch also bleibt für Unternehmen und Verbände Zeit, trotz aller Schwierigkeiten für mehr Lehrstellen zu sorgen. Aber nicht mehr lange. Spürbar ist die Misere überall – im Osten und im Westen, im Süden und im Norden.

"Nicht in diesem Jahr"

Ein letztes Mal den Schlips gerade gerückt, das Jackett glatt gestrichen. Dann beginnt eines dieser Gespräche, von denen Harry Handke seit 1995 mehr als 1000 geführt hat. "Handke, guten Tag, Herr Willöper. Wir hatten telefoniert, ich bin der Lehrstellenentwickler der IHK." Ein Händedruck, ein freundliches Lächeln, jetzt gilt’s. In den kommenden 50 Minuten will Handke den Geschäftsführer der Schweriner Linda Waschmittel GmbH davon überzeugen, einen Ausbildungsplatz für einen Chemielaboranten einzurichten.