Der Mann überrascht mit einem Geständnis. Er hätte sich damals, in der Wendezeit, bei der Landtagswahl auch eine Kandidatur für die SPD vorstellen können – wenn die ihn gefragt hätte.

Wolfgang Böhmer ist seit 16 Monaten Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, seit über 13 Jahren Christdemokrat und seit 1998 Landesvorsitzender. Weil ihm Freunde dies geraten hätten, sei er für die CDU angetreten. Dort fühle er sich, versichert er, "durchaus wohl".

Die Auskunft passt zu Böhmer. Der 67-Jährige ist ein freier Mann in der vom Karrieredenken, von Intrigen und dem Gerangel um persönliche Macht beherrschten Politiker-Welt. Allein wegen seines Alters gilt er als unverdächtig, noch höher gesteckte Ziele im Blick zu haben.

Böhmer ist ein Kontrastprogramm zum typischen Politiker. Er vermeidet in der Regel Sprechblasen, mit denen die meisten Politiker Fakten vernebeln und sich vor unangenehmen Aussagen drücken. Er wehrt sich gegen die üblichen Rituale, polarisiert nicht um eines Show-Effekts willen. Redlich, glaubwürdig, geradlinig, mit klarer Sprache, aber auch besonnen und ausgleichend – selbst politisch Andersdenkenden fallen zu Böhmer auf Anhieb durchweg positive Eigenschaften ein.

Nicht nur daheim in seinem Land, auch in Berlin kommt der bodenständige Politiker aus der Provinz gut an. Das Adjektiv "provinziell", wenn es ihm gilt, hält er "nicht einmal für ein Schimpfwort". Die CDU-Chefin Angela Merkel lobt Böhmers "große innere Souveränität und Unabhängigkeit". Aber auch der Sozialdemokrat Henning Scherf, Bremer Bürgermeister und Vorsitzender des Vermittlungsausschusses von Bundestag und Bundesrat, schätzt seinen Kollegen von der Gegenseite: "Wenn man mit einem reden kann, dann mit dem."

Nichts macht ihm so viel Freude wie der Vermittlungsausschuss

Im Vermittlungsausschuss, wenn Rot-Grün und Union nach Kompromissen suchen, ist Böhmer in seinem Element. "Mir macht Politik nirgends so viel Freude wie im Vermittlungsausschuss", bekennt er. "Wenn die Presse raus ist aus dem Saal, wird das Jackett ausgezogen, und dann kann man mit aller Lockerheit miteinander reden." Dann gebe es "ein faires Ringen um Lösungen". Dabei hält er sich mit Redebeiträgen bewusst zurück. Er sei "interessiert, daran, dass man mir, wenn ich mich zu Wort melde, schon zuhört. Das verscherzt man sich, wenn man allzu viel rumlabert", sagt er. "Rumlabern", wie er es nennt, mag er überhaupt nicht. Dreht sich die Debatte im Kreis, wird er ungeduldig. "Passt mal auf, Kameraden, bewegt euch mal ein bisschen!", appelliert er an die Kontrahenten, "wir bewegen uns auch ein bisschen. Wir wollen doch nicht ewig herumsitzen."

Ihn als graue Eminenz des Vermittlungsausschusses zu bezeichnen wäre vermutlich übertrieben. Dass jedoch sein Wort mehr Gewicht hat als sein Land, wurde bei den Verhandlungen über die Gesundheitsreform deutlich. Dabei kam ihm allerdings seine 30-jährige Erfahrung als Arzt, davon 17 Jahre als Chefarzt im evangelischen Krankenhaus in Wittenberg, zustatten. Es sei ein "Gewinn", würdigte Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) die konstruktive Art Böhmers, "wenn ein Arzt die medizinische Erfahrung einbringt".