Krähen eigentlich Krähen? Schaut mich diese Taube nicht eine Spur zu intim an? Kann man sich selbst begegnen? Und sollte man in dieser ungewohnten Umgebung nicht vorsichtshalber jemandem opfern?

Vogelige Gedanken, hier oben 13 Meter über dem Erdboden, was im Falle Västerås auch 13 Meter über Normalnull und vielleicht 13 Meter über normal bedeutet. Västerås ist die sechstgrößte Stadt Schwedens, was nicht zwangsläufig ein Lob bedeutet, und liegt an einem See namens Mälar, über den ein Speedboot in zwei Stunden nach Stockholm rast. Västerås ist eine unprätentiöse Industriestadt mit den Freizeitthemen Boot und Fisch. Und mit einer blinden Liebe zur Kunst, genauer zu einer Art Kunst, die möglichst riesig und schwarz und golden sein soll und die man vor Parkhochhäuser hängen kann. Anders gesagt: Kein Mensch würde Västerås kennen, hätte nicht Mikael Genberg 1998 im Vasapark zwischen Rathaus und Bahnhof ein Baumhaus in eine 350 Jahre alte Eiche gehängt. Den Spaß Hotell Hackspett genannt (auf Deutsch Hotel zum Specht , auf Englisch noch hübscher: The Woodpecker). Und das Ganze tatsächlich als Hotel betrieben, mit den alternativen Arrangements »Bohème« für Selbstverpfleger und »Delux« mit Halbpension. Seit im größten Baum des Parkes das rote Schwedenhäuschen mit dem gehissten Schwedenfähnchen schaukelt, steht Västerås im Verzeichnis Die irrsten Hotels der Welt ganz oben und zieht sogar Neuseeländer an.

Eine leichte Form von Bangnis würde ich es nennen. Irgendetwas zwischen Angst und Irritation. Womöglich auch eine milde Art der Klaustrophobie, immerhin hatte man mir ein Geschirr angelegt und mich mit einem Seil hochgezogen, und dann hatte ich sagen müssen, wann ich heruntergeholt werden wollte am nächsten Morgen. Zehn Uhr? Okay! Nun sitze ich hier oben fest und könnte ohne fremde Hilfe nicht runter. Auch nicht, wenn Feuer ausbräche, Wespen angriffen oder ein Finsterling die Motorsäge an meine Eiche setzte. Und dann gibt es noch einen heimtückischen Gedanken, der einen mit Vorliebe nachts anfällt und um den Schlaf bringt: Wie komme ich eigentlich wieder runter? Einmal konnte ein Hotelgast, eine forsche Frau um die 40, diesen Gedanken nicht mehr aushalten und holte nächtens mit dem Handy Herrn Genberg herbei. Der musste um ein Haar die Feuerwehr bestellen, die zu bedenken gab, dass sie den englischen Rasen zerfurchen würde. Zum Glück ließ sich die Frau dann doch mit Bordmitteln abseilen. Außerdem könnte man auch verrückt werden. Im größten Baum des Vasaparks, 13 Meter
über dem Erdboden,hängt das Hotel.
Halbpension möglich

Um sechs Uhr hatte jemand unten am Baum gerufen: Abendessen hochziehen! Es gab Nudeln mit Pute in Alu. Danach Ruhe. Kein Fernseher, kein Radio, kein Strom. Mein Bett ist deutlich ein Einschläfer, nur enorm frisch Verliebte könnten hier zu zweit übernachten. Es neigt sich zur Tür, weil die 12,5 Quadratmeter große Plattform, auf der das Häuschen steht, etwas schief in den Seilen hängt. Durch ein Panoramafenster neben dem Bett fällt der Blick auf einen tragenden Ast, einen fetten Baumpilz und das Konstmuseet Västerås.

Das Kunstmuseum besitzt frühe Arbeiten von Mikael Genberg, der mal als ganz normaler Künstler angefangen hat, aber eines Tages keine Lust mehr hatte, weitere Bilder und Skulpturen in die Welt zu setzen. Er wollte lieber lustige, verdrehte Sachen machen, die mehr mit den Menschen zu tun haben. So kam der heute 33-Jährige darauf, seine Stadt mit großen und irritierenden Installationen zu konfrontieren: zum Beispiel mit dem Café Koala, wo der Gast auf fünf Meter hohen Stühlen sitzt. Genberg baute das Klosett Chamäleon , ein öffentliches Klo mit halb durchsichtigen Wänden (nach außen transparent!). Das Otter Inn ist ein Unterwasserhotel. Und das Hotel Hackspett ein Kunstprojekt mit einem kleinen kommerziellen Nebenaspekt. Bevor Genberg Künstler wurde, hat er Ökonomie studiert.

Die Innenwände sind beige tapeziert und mit goldenen Eichenblättern bedruckt. Zur Einrichtung zählen ein Äthanolkocher, Teelichter, ein Feuerlöscher (aha!). Ein Buch auf Schwedisch, von dem chinesischen Philosophen und Schriftsteller Lin Yutang, über Lebenskunst. Ein Wasserkanister, eine Schüssel, eine Kühltasche. Darin das Frühstück und das Inventar einer sparsam bestückten Minibar: Snacks, Cola, Lättöl (Dünnbier). Durch die Tür, die sich zum Balkönchen öffnet, geht der Blick über die belebte E18 von Stockholm nach Oslo hinweg bis zum See. Rechts neben mir das Klo, dessen Tür Menschen mit langen Beinen nicht schließen können. Basisbedürfnisse hinterfragen, in einem neuen Licht betrachten, so formuliert Mikael Genberg seinen künstlerischen Ansatz. Für das Basisbedürfnis, um das es hier geht, gibt es einen Eimer und eine schwarze Tüte, die täglich vom Personal erneuert wird. Das Personal ist ein klettergewandter Bursche um die 20. Der Mann, auf den ich warte.