Kalle ist Bauer. Kalle ist schwul. Und Kalle hat ein Problem: Er oder seine Zwillingsschwester Hedi muss heiraten, nur dann darf er den Hof behalten. So hat es der Vater in seinem Testament bestimmt.

Aber Kalle hat es gut. Er muss sein Problem nicht selber lösen. Dafür ist Verena da. Schließlich hat sie ihn erfunden. Kalle ist die Hauptfigur im ersten Drehbuch von Verena Hartges. Die Dreißigjährige hat es mit Unterstützung von Tutoren der Hamburger Autorenschule entwickelt.

Ob Kalle jemals im Fernsehen oder Kino um seinen Hof kämpfen wird, weiß sie nicht. Immerhin: Im Moment versucht die neue deutsche Filmgesellschaft (ndF), einen Auftraggeber für den Film zu finden. Damit ist Verena Hartges weiter als die meisten, die sich zum ersten oder auch wiederholten Mal an einem Drehbuch versuchen. "Für Anfänger ist es extrem schwer, ins Geschäft einzusteigen", sagt Ingo Fliess, Agent und Lektor beim Verlag der Autoren in Frankfurt. Der Verlag der Autoren vermittelt gegen Provision Filmstoffe an Produzenten und Sender. Für Neulinge gilt der Einstieg über solche Agenturen als der leichtere Weg – doch selbst der ist schwer. Etwa fünf Prozent der Drehbücher, die er im Jahr auf den Tisch bekomme, nehme er zur Betreuung an, schätzt Fliess.

Enttäuschte Autoren

Wer das Drehbuchschreiben professionell betreiben will, kann sich nicht darauf zurückziehen, "nur Autor" zu sein. Er muss von Anfang an begreifen, nach welcher Logik die anderen Akteure der Branche, vor allem die Produktionsfirmen und Sender, handeln: Die nämlich denken nicht nur an schöne Geschichten, sondern erst mal an Zielgruppen, Einschaltquoten – und ans Geld. Beginne nie ein Drehbuch mit dem Satz: "Hamburg brennt", lautet eine Branchenregel. Schließlich kostet das zu viel. Ebenso falsch wie bei Anfängern beliebt ist es, den Held erst mal um die Welt jetten zu lassen oder unzählige Schauspieler zu verplanen. Verena Hartges weiß das und denkt ökonomisch – auf die ursprünglich geplante Hafenrundfahrt für Kalle hat sie verzichtet. Fast dreizehn Monate lang hat sie an Kalle und seiner Geschichte gearbeitet – und dabei eine Menge recherchiert. Sie hat mit Schwulen auf dem Land geredet, um herauszufinden, wie ihr Alltag aussieht und mit welchen Problemen sie kämpfen. Sie weiß jetzt alles über Melkrhythmus, Kälbernahrung, Jogurtherstellung und Dorffeste. Damit die Geschichte glaubwürdig ist, hat sie Details nachgespürt. Gibt es wirklich noch Dörfer mit einem Dorfpolizisten? Wie verhält sich die Polizei, wenn sie eine Todesnachricht überbringt? Und wie schnell kann man in Deutschland eine Scheidung durchziehen? Während der Seminare in der Autorenschule Hamburg hat sie die Biografie von Kalle geschrieben – schließlich sollte ein Autor seine Figuren kennen. Sie kann jetzt genau Auskunft geben über ihn, sie weiß sogar, wie er in der Schule war.

Als Künstler, der am Ende ein unantastbares Werk hervorbringt, darf sich ein Drehbuchautor nicht sehen, sonst wird er schwer leiden. "Ein Drehbuch ist nie fertig", sagt Eckhard Theophil, der unter anderem das Buch zum Kinoerfolg Männerpension schrieb. Die Autoren müssen damit leben, dass die Produktionsfirmen und Sender bei der Entwicklung mitreden. "Und jeder, den man trifft, hat was zu meckern." Also wird umgeschrieben. Wieder und wieder.

"Wer sich selbst verwirklichen will, ist als Drehbuchautor fehl am Platz", warnt auch Klaus Rüdiger Mai, Produzent bei der ndF. Während ein Roman für sich stehe, lebe ein Film eben nicht nur von der Geschichte, sondern auch von der Regie, den Schauspielern und dem Schnitt. "Wenn ich an einem schwachen Buch nichts ändere, weil der Autor es ganz toll findet, bekomme ich eben auch keinen guten Regisseur, keine gute Besetzung und keine ordentliche Finanzierung", sagt Mai. Natürlich gebe es Fälle, in denen Produzenten oder Redakteure in den Sendern einer Geschichte das Rückgrat gebrochen hätten. "Aber oft ist es umgekehrt, vor allem, wenn man einander vertraut: Dann entsteht aus der Zusammenarbeit etwas sehr Gutes, mit dem alle zufrieden sind."

Bei den Dreharbeiten allerdings sind die Schreiber häufig nicht dabei. Oft sieht der Film am Ende dann ganz anders aus, als sie es sich vorgestellt haben, zumal manchmal auch der Text noch verändert wird. "Es ist fast normal, dass die Autoren hinterher enttäuscht sind", beobachtet Drehbuchvermittler Ingo Fliess. Verena Hartges sieht ihre Rolle pragmatisch. Falls "ihr" Film zustande kommt, will sie beim Dreh gar nicht anwesend sein. "Am Set habe ich nichts zu suchen. Man muss auch lernen, abzugeben."