Normalerweise würde man Odida Ovonji auf den Gängen der Macht leicht übersehen. Die kleine schwarze Abgeordnete aus Uganda in ihrem schlichten Kostüm gibt sich still und zurückhaltend. Kein Wunder. Welche Afrikanerin hat auf internationalen Konferenzen schon viel zu sagen?

Seit Sonntag ist alles anders: Auf einmal drängen sich Kameramänner und Reporter im Kunstlicht des Konferenzsaals, und in ihrer Mitte steht Odida Ovonji, von Mikrofonen umgeben. Mit fester Stimme wiederholt sie immer wieder einen Satz: "Kein neuer Vertrag ist besser als ein schlechter."

Seit Sonntag ist die Konferenz der Welthandelsorganisation WTO vorbei. Gescheitert. Im mexikanischen Cancún wollten Delegierte aus 148 Industrie- und Entwicklungsländern die Regeln des Welthandels ändern. Jetzt bleiben sie beim Alten. Auf nichts haben sich die Wirtschaftsminister und Handelsdiplomaten geeinigt. Die Vertreterin Ugandas sagt: "Von jetzt an werden die reichen Länder uns endlich ernst nehmen. Spätestens auf der nächsten WTO-Konferenz." Sie sagt es triumphierend.

Die nächste WTO-Konferenz? Seit Beginn dieser Woche bezweifeln nicht nur Pessimisten, dass es so etwas geben wird, dass die WTO, die multilaterale Ordnungsmacht des Welthandels, überhaupt noch eine Zukunft hat.

Zu düster ist die jüngste Vergangenheit: Vor vier Jahren verhinderten im amerikanischen Seattle wütende Demonstranten und unambitionierte Delegierte die Eröffnung einer neuen Verhandlungsrunde. Schon damals hatten sich Vertreter der Entwicklungsländer geweigert, die Gespräche fortzusetzen, in denen es ihrer Meinung nach allein um die Interessen von Amerikanern und Europäern ging.

Dann kamen die Terroranschläge vom 11. September, und die Industrieländer beschworen die Einheit der Welt. Bei der WTO-Tagung in Doha am Persischen Golf versprachen sie den armen Ländern eine "Entwicklungsrunde", eine Änderung der Handelsregeln im Sinne der Dritten Welt, insbesondere einen besseren Zugang zu den Märkten des Nordens. Nur deshalb kam damals, im November 2001, eine Einigung zustande. Knapp zwei Jahre später sollten den vagen Versprechungen konkrete Vereinbarungen folgen. Doch noch vor der ersten Unterschrift ist das Vorhaben schon wieder gescheitert – am Unwillen der Reichen, mehr zu geben, und an der Ungeduld der Armen, noch länger zu warten.

Da klingt es fast absurd, wenn der WTO-Chef Supachai Panichpakdi noch am Abend des Debakels stoisch verkündet: "Wir waren uns schon sehr nah. Spätestens im Dezember werden wir weitermachen."

Tatsächlich wird es kein Weitermachen wie bisher geben. Die bisherige Ordnung der Handelspolitik, bei der sich viele Nationen an einen Tisch setzen und sich auf für alle verbindliche Regeln verständigen, funktioniert nicht mehr. Zerstört ist die eingespielte Machtbalance, bei der die Reichen den Ton angaben, die Vertragstexte aufsetzten und die Armen unterschrieben. Stattdessen ist ein neuer Nord-Süd-Konflikt entbrannt, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Nicht mehr der Norden fordert Freihandel und drängt auf die Märkte des Südens. Inzwischen verlangen die Entwicklungsländer wütend nach mehr Liberalisierung, und der Norden bremst. Die Armen messen die Reichen an ihren eigenen Worten, und sie tun das gemeinsam – mit zerstörerischer Kraft.