Vor knapp drei Monaten rangen sich die europäischen Landwirtschaftsminister zu einer großen Reform ihrer Agrarpolitik durch. Es war die dritte in zehn Jahren, und sie sollte den Wahnsinn beenden: Daheim in Europa sollte sie die Landwirte von Landschaftsschändern zu Landschaftsschützern machen – und draußen in der Welt den europäischen Bauern den Makel nehmen, mit ihrer Überproduktion die Agrarmärkte durcheinander zu bringen.

In Cancún indes fanden die Versprechungen keinen Glauben. Die WTO-Ministerkonferenz scheiterte auch an der europäischen Agrarpolitik.

Doch lassen sich diese Ziele – fairer Handel und intakte Natur – überhaupt gleichzeitig erreichen, und zwar so, dass den Bauern auch noch genug Geld zum Leben bleibt? Oder versucht die Europäische Union, das Unvereinbare zu vereinbaren?

Zunächst zum Status quo: Die EU-Agrarpolitik schädigt die Entwicklungsländer ebenso wie die Natur und die hiesigen Steuerzahler. Letztere kosten die Subventionen mehr als 40 Milliarden Euro jährlich allein aus dem Brüsseler Budget. Wofür? Für handelsverzerrende Einkommenstransfers, die ausgerechnet den "Hauptverursachern von Beeinträchtigungen an Natur und Landschaft" zugute kommen, so der Sachverständigenrat für Umweltfragen.

Also Schluss mit der Subventionswirtschaft? Das ließe den alten Kontinent bald anders aussehen. Überleben würden vermutlich die hoch industrialisierten Geflügel- und Schweinemastbetriebe und einige große Getreidebetriebe. Hunderttausende Kleinbauern aber würden ihre Betriebe aufgeben müssen, mangels Wettbewerbsfähigkeit. Ganze Dörfer und Landstriche würden ihr prägendes Element verlieren.

Das wollten die EU-Agrarminister verhindern, als sie sich Ende Juni in Luxemburg versammelten. Sie beschlossen, die Agrarsubventionen zwar nicht zu kürzen, aber zu entkoppeln. Fortan bekommen die Bauern Geld, weil sie Bauern sind – unabhängig davon, was und wie viel sie produzieren. Das, hoffen die Reformer, drosselt die Produktion und hilft dadurch den Bauern im Süden. Weil hiesige Landwirte die Prämien nur in voller Höhe erhalten, wenn sie auf den Feldern und in den Ställen geltendes Recht walten lassen, soll auch die Umwelt profitieren.

Zu schön, um wahr zu sein. Solange die Subventionen nicht gezielt an gesellschaftlich erwünschte Zusatzleistungen der Bauern gekoppelt werden, dürften sie weiterhin das tun, was sie immer schon gemacht haben: so viel und so billig produzieren, wie sie können. Weiterer Streit mit den Handelspartnern ist daher programmiert.

Also muss die Agrarsubventionen nicht nur entkoppeln, sondern umkoppeln, wer der europäischen Landwirtschaft eine Zukunft geben will. Beispiel: Vor rund 20 Jahren grasten 90 Prozent der hiesigen Milchkühe auf Weiden, heute stehen zwei Drittel der Hochleistungs-Tiere in Ställen. Sollen die früheren Verhältnisse wiederhergestellt werden, muss die Gesellschaft dafür zahlen. Die Kleinbauern hätten eine Chance, aber nur, wenn sie die Kühe wieder auf die Weide schicken. Weil sie dann notgedrungen weniger Milch produzierten, wäre auch den Bauern in den Entwicklungsländern geholfen, die nicht länger fürchten müssten, dass ihnen die überschüssige Milch aus Europa zu Hause das Geschäft verdirbt.