Fuxin/Xibaipo

Was muss ein Kommunist in China heute tun, um zu zeigen, dass er noch zu den Arbeitern hält?

Wen Jiabao, Chinas neuer Premierminister, legte im Nordosten des Landes, fernab der blühenden Metropolen, Bergmannstracht an. Im grauen Gewand, mit Gummistiefeln, Helm und Stirnleuchte fuhr er 700 Meter unter Tage, um sich dort nach dem Befinden der halb nackten Kumpel zu erkundigen: "Wie viel verdient ihr?" – "Wie sehen eure Wohnungen aus?" – "Welche Beschwerden habt ihr?" Ein Gespräch entstand auf diese Weise nicht, doch dem seit März amtierenden Regierungschef kam es auch eher darauf an, seine Botschaft zu verkünden: "Die Regierung wird euch nicht vergessen."

Das musste vielleicht einmal gesagt werden. Denn im Staat der Arbeiter und Bauern wächst zwar die Wirtschaft und mit ihr, furchtbar langsam, der Wohlstand. Auch haben alle Schichten Anteil am Fortschritt, selbst die Ärmsten werden allmählich wohlhabender. Dennoch: Am schnellsten wächst die Ungleichheit – schneller als irgendwo sonst auf der Welt, wie einem neuen, zum Teil unveröffentlichten Bericht der Weltbank zu entnehmen ist.

"China ist auf dem Weg, die kapitalistische Gesellschaft mit der weltweit ungerechtesten Einkommensverteilung zu werden", sagt der habilitierte Volkswirt und Harvard-Absolvent Hu Angang, Leiter des Zentrums für China-Studien der Pekinger Tsinghua-Universität, der seit Jahren zu den einflussreichsten Wirtschaftsberatern der Regierung zählt. Trotz seiner Nähe zur Regierung wirft Hu den Kommunisten vor, "drei große Ungleichgewichte" geschaffen zu haben: zwischen einer reichen Stadt- und einer armen Landbevölkerung, einer reichen Ostküste und armen West- und Nordprovinzen sowie zwischen Arbeitslosen und gut Verdienenden in den Städten.

Ungleichheit messen Ökonomen unter anderem mit dem so genannten Gini-Koeffizienten, der Werte zwischen null und eins annehmen kann. Null steht für völlige Gleichheit, eins bedeutet extreme Ungleichheit: Einer besitzt alles, alle anderen nichts. Bis Mitte der achtziger Jahre lag der Gini-Koeffizient in China unter 0,2 – niedriger als in Dänemark, dem Industrieland mit der traditionell ausgeglichensten Einkommensverteilung. 2001 lag er nach Informationen der führenden Pekinger Wirtschaftszeitung Jinji Guancha Bao bei 0,459, Tendenz: steigend. "Für einen ähnlichen Wandel der Einkommensstruktur hat Deutschland 100 Jahre benötigt", sagt Hu. Schon nähert sich China bedenklich den Verhältnissen Lateinamerikas, wo die lokalen Gini-Koeffizienten um 0,5 schwanken und der Unterschied zwischen Arm und Reich weltweit am größten ist.

Nur jeder Fünfte ist noch krankenversichert