Nicht mehr als ein bisschen Licht – und plötzlich war klar, dass in der Aschaffenburger Straße 1 in Bremen ein Mord geschehen war. Gerade als der Dienst habende Kriminalbeamte Niemeyer sich am 1. Weihnachtsfeiertag des Jahres 1985 gegen 14Uhr über die Leiche der 76-jährigen Meta Klingenbeil* beugte, brach die Sonne durch die Wolken und goss ihr Licht ein paar Augenblicke lang auf die Tote. Still und friedlich lag sie da, halb entkleidet wie jemand, der zu Bett gehen wollte und dabei vom Schlag getroffen worden ist. Die Wohnungstür war geschlossen gewesen. Die Zimmer wirkten aufgeräumt und sauber. Der Notarzt hatte schon das Herzversagen diagnostiziert und war am Zusammenpacken. Da fiel die Sonne herein. Der Angeklagte
Peter W. im Saal 218 des Landgerichts Bremen. Für einen lange zurückliegenden Mord wurde ihm im Jahre 2003 der Prozess gemacht

Deshalb erinnert sich der Kriminalbeamte Niemeyer 18 Jahre später, im August 2003, im Saal 218 des Landgerichts Bremen immer noch genau an diesen Moment. Das Verbrechen, sagt er zu den Richtern, wäre ja sonst beinahe "durchgerutscht". Erst im Strahl der Sonne seien schwache blaue Druckstellen am Hals der Toten aufgetaucht und winzige, flohstichartige Stauungsblutungen an den Augen erkennbar geworden. Er, Niemeyer, habe nun ein Gewaltverbrechen nicht mehr ausschließen können und die Rechtsmedizin verständigt. Bei der Obduktion wurde festgestellt, dass Meta Klingenbeil "durch einen Angriff gegen den Hals ums Leben gekommen" war und außerdem "vor, während oder nach Todeseintritt" Geschlechtsverkehr hatte. Die Spermien mussten vom Mörder herrühren, der hatte die Blutgruppe A.

Auf der Anklagebank sitzt ein unauffälliger Mann um die 50, mit Brille und Blutgruppe A. Er hört bewegungslos zu. Gefühlsäußerungen sind nicht die Sache des Peter W., abgesehen von jenen Ausnahmen, die ihn immer wieder vor Gericht gebracht haben. "Affektive Dürftigkeit" und "ein harter innerer Kern" sind ihm schon 1974 bescheinigt worden, als ein forensischer Psychologe den damals 18-jährigen W. untersuchte, um zu ergründen, warum der ohne ersichtlichen Grund einen Jugendlichen im Schlaf erschossen hatte. Der Psychologe bescheinigte W. eine überdurchschnittliche Intelligenz (IQ 115), wenig Gefühl und eine verkümmerte Fantasie. Beim so genannten Wunschprobe-Test, bei dem der Reichtum menschlichen Gemütes durch freies Assoziieren gemessen wird, fällt W. so gut wie nichts ein. Auf die Gestirne angesprochen, kann er ihre Bedeutung nicht ermessen. "Die Sonne", sagte W. "ein bisschen Licht, mehr nicht."

Das gewaltsame Ende der alten Witwe aus der Aschaffenburger Straße kam bald heraus, aber ihr Mörder blieb lange im Dunkeln. Dass Peter W. dann doch wegen des Mordes an Meta Klingenbeil verurteilt werden kann, ist einer Reihe von unglaublichen Zufällen, der Hartnäckigkeit eines Kriminalbeamten und vor allem dem wissenschaftlichen Fortschritt der Molekulargentetik, der DNA-Analyse zu danken.

Es gab keine Zeugen des Verbrechens, keine Fingerabdrücke, kein Geständnis. Der einzige Beweis, den der Mörder am Tatort zurückließ, war sein Sperma und damit ein unverwechselbarer genetischer Code. 1985 konnten Rechtsmediziner und Kriminalisten mit solchen Spuren nur wenig anfangen, denn das menschliche Genom war nicht entziffert, der genetische Fingerprint gerade erst entdeckt. Aber 18 Jahre später konstatieren zwei DNA-Fachleute der rechtsmedizinischen Institute Hamburg und Münster im Mordprozess gegen Peter W., dass es mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Milliarden zu 1 nur der Angeklagte gewesen sein kann, der Meta Klingenbeil geschändet und erwürgt hat.

Im Dezember 1985 beginnen bei der Bremer Kriminalpolizei intensive Nachforschungen nach jenem Mann, der am Abend des 23. Dezember im zweiten Stock das Mietshauses aufgetaucht sein muss, um der alten Witwe seinen tödlichen Besuch abzustatten. Am Morgen des Heiligen Abends sind ihre Brötchen nicht mehr hereingeholt und die Jalousien nicht mehr hochgezogen worden. Als der Sohn Dietrich Klingenbeil seine Mutter am ersten Feiertag zum Weihnachtsschmaus abholen will, findet er sie tot vor dem Bett liegend. Sie trägt noch den roten Pullover, den sie zwei Tage zuvor trug, der Unterkörper ist bloß, die Kleidung ordentlich auf dem Stuhl gestapelt. Die Wohnungstür der Meta Klingenbeil zeigt keine Einbruchspuren, nichts wurde durchsucht, und nichts fehlt – außer dem Schlüsselbund. Meta Klingenbeil war eine vorsichtige alte Dame, die eine Türkette vorlegte, wenn sie öffnete, und ihr Schloss beim Ausgehen mit einem Zusatzzylinder, einem "Kobold", sicherte. Deshalb gehen die Beamten zunächst davon aus, dass das Opfer den Täter gekannt und selbst hereingelassen hat. Darauf weist auch eine in Zellophan verpackte Orchidee hin, die im Wohnzimmer steht und deren Herkunft nicht geklärt werden kann. 15 verdächtigen Männern werden Speichel und Blut abgenommen. Zu den Überprüften zählt auch der Mann von Meta Klingenbeils Enkelin, Peter W., der die Tote flüchtig gekannt hat. Jedoch gelingt es bei keiner Blutprobe, eine Übereinstimmung mit dem Spurenleger sicher nachzuweisen.

Die Ermittlungen gegen unbekannt weiten sich aus: Hat sich der Mörder womöglich in der Tür oder gar im Haus geirrt und die Falsche umgebracht? Könnte es ein Nachbar, ein Zeitungswerber, eine Zufallsbekanntschaft, ein Passant gewesen sein? Bei den polizeilichen Befragungen werden ganze Straßenzüge abgearbeitet, Blumengeschäfte auf der Suche nach dem Orchideenkäufer abgelaufen. Auch der Kegelklub und die Folkloregruppe, in denen Meta Klingenbeil Geselligkeit suchte, werden plötzlich für die Kripo interessant. Taxifahrer werden vernommen, einer lässt sich sogar in Hypnose versetzen, um sich seiner Fahrgäste zu entsinnen – vergeblich. Alle Spuren verlaufen im Nichts.