Es gibt Aussagen in unserem Alltag, die wir verstehen, ohne sie zu begreifen. Zum Beispiel: "Diese Zahlen sind ohne Gewähr für die Richtigkeit der Übermittlung." Oder: "Morgen beträgt die Niederschlagswahrscheinlichkeit 30 Prozent." Das heißt: sich nicht zu früh freuen über drei Richtige im Lotto und morgen besser den Schirm mitnehmen, denn das Wetter wird irgendwie durchwachsen. Jeder weiß Bescheid. Glaubt er zumindest.

Das schöne Gefühl vom Bescheidwissen aber können wir uns abschminken, wenigstens was den Niederschlag betrifft. So gut wie nichts haben die Endnutzer von der Auskunft des Wetterdienstes begriffen. Dies fanden Gerd Gigerenzer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und ein international zusammengesetztes Psychologenteam heraus. In den Straßen von New York, Amsterdam, Berlin, Mailand und Athen fragten sie 750 Passanten, was mit der eingangs zitierten Wetteraussage gemeint sei.

Dabei boten sie drei Antworten zur Auswahl. Erstens: Morgen regnet es auf 30 Prozent der Fläche. Zweitens: Morgen regnet es während 30 Prozent der Zeit.

Drittens: Es wird an 30 Prozent der Tage regnen, die durch die gleiche Wetterlage charakterisiert sind wie der morgige Tag. Richtig wäre Antwort Nummer drei. Doch nur die New Yorker tippten mehrheitlich darauf. Die Einwohner des alten Europa dagegen setzen meist auf Antwort Nummer zwei und ließen ansonsten Fantasie und Intuition spielen. So meinte eine Berlinerin, dass bei dieser Regenwahrscheinlichkeit 30 von 100 Wolken schwarz sein müssten. Andere Passanten hielten die Aussage für ein Abstimmungsergebnis unter Wetterexperten, bei dem drei von zehn Meteorologen für Regen gestimmt hätten. In Athen erklärte eine junge Frau in wallenden Hippie-Gewändern: "Wenn wir 100 Leben hätten, würde es in 30 von diesen Leben morgen regnen."

Sind Europäer - im Gegensatz zu den Blitzgescheiten in Übersee - zu blöd für Wetterberichte? Zum Glück können die Max-Planck-Forscher diesen Schlag ins Zentrum europäischen Selbstbewusstseins abfedern: Nicht wir europäischen Endnutzer, sondern die Statistiker sind schuld. Die inkriminierte Aussage sei als solche mehrdeutig, da nicht angegeben werde, worauf sich die 30 Prozent bezögen. Statistische Informationen würden meist schlecht und vieldeutig kommuniziert, kritisieren sie. Und dass die New Yorker so viel besser Bescheid wussten, liege einfach daran, dass sie bereits seit 40 Jahren an Wetterwahrscheinlichkeitsaussagen gewöhnt sind. In Berlin aber sind die Prozentangaben erst seit 1990 üblich und in Athen noch überhaupt nicht - vermutlich, weil Regenwahrscheinlichkeit dort unwahrscheinlich ist.

Und was lernen wir nun aus den 30 Prozent Regenwahrscheinlichkeit? Zweierlei: Die Frage nach dem Schirm bleibt unbeantwortet. Und Statistik ist reine Gewohnheitssache.