Berlin ist vermutlich weltweit die Stadt mit den meisten Literaturveranstaltungen. Jeden Tag kann man wählen: Lesung im Museum oder im Kaufhaus, im Buchladen oder im Hinterzimmer, im literarischen Salon oder in einem der vier Literaturhäuser. Viel braucht es dazu nicht: ein paar harte Stühle, Mineralwasser und ein Buch. Im Notfall und fürs Unveröffentlichte reichen Zettel. Verzichtbar sind auch Autoren, vor allem, wenn sie nuscheln oder nicht mehr unter den Lebenden weilen. Dann können sie durch Schauspieler ersetzt werden.

Die Hauptstädter, sollte man also meinen, haben längst genug an dergleichen. Und doch, nun zum dritten Mal, ein Literaturfestival. International. Groß. Wie groß, kann man daran ermessen, dass Organisatoren und Praktikanten – "ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre"– bei der Eröffnungsveranstaltung die Bühne des Berliner Ensembles füllten, bis sie, ich schwöre es, ganz voll war. Nicht einmal der Schlusschor der Dreigroschenoper macht so viel her. Also wirklich groß. 100 Autoren. 27 Sprachen. 40 Länder. 12 Tage. Und das Ganze, von morgens bis abends, überall in der Stadt, sogar auf dem Friedhof bei Herrn Brecht, Herrn Mann und Herrn Müller. Es ist, mit einem Wort, ein literarischer Superlativ. Nun gut, im Vergleich mit der Frankfurter Buchmesse vielleicht nur ein Komparativ. Aber: Wahrer und schöner und besser als Frankfurt, denn hier werden keine Geschäfte gemacht; da ist nur die Literatur. Pur. Niemand investiert, und niemand verdient. Als Sponsoren fungieren Hersteller von Bleistiften, von Papierwaren und von Mineralwasser.

Und trotzdem kommen solche gerade im Umlauf befindlichen Bestsellerautoren wie Jonathan Franzen; es kommen Lars Gustafsson und Tatjana Tolstaja und, klar, Günter Grass. Aber seinen eigentlichen Charme bezieht das Berliner Festival aus den weniger reputierlichen und zum Glück auch weniger repetierlichen Auftritten: Lee Hochol, Südkorea, liest aus einem Buch, in dem über die politische Bedingtheit des Lebens nachgedacht wird. Eduardo Chirinos aus Lima verteidigt die lateinamerikanische Literatur gegen Magischen Realismus. Tariq Ali, der Streitbare, reist aus London an. Jabbar Hussin, Iraker, kommt aus La Rochelle; Semezdin Mehmedinoviffi, Bosnier, aus Alexandria, Virginia; Nuruddin Farah, Somalier, aus Südafrika. Das Stichwort "Globalisierung" geistert durch Reden und Diskussionen. Literarische Vielfalt, so der große Wunsch, möge die Kehrseite der globalen Vereinheitlichung sein.

So sitzen sie, wenn sie nicht von offiziellen Institutionen präsentiert werden, in Theaterräumen der Off-Szene wie dem "Hochzeitssaal". Der liegt im dritten Stock. Der Putz blättert großzügig. Wenn man die Tasche auf den Boden stellt, bleibt eine graue Schicht daran haften. Die Fensterscheiben sind geschwärzt. Mineralwasser und harte Stühle gibt es nur für die Vortragenden. Das Publikum lauscht auf Bänken. Viele Sitzplätze gibt es nicht. Aber besetzt sind sie alle.

Katharina Döbler