Wahrhaft, eine neue Geschichtsbestmarke! Mehr als vier Millionen Menschen machten sich am vorigen Wochenende auf in die Vergangenheit und besichtigten Bauernkaten, Bürgerhäuser und Fabrikantenvillen. Es waren die Tage des offenen Denkmals, Tage der Neugier und Begeisterung. Lässt sich davon etwas hinüberretten in den geschichtsfernen Alltag? Die Denkmalschützer spüren nur wenig von der allgemeinen Zustimmung. Die Landesbehörden kürzen die Etats, und selbst der Bund erwägt, seine paar Fördermilliönchen einzusparen. Wie absurd und kurzsichtig! Eine bessere Kulturpflege lässt sich doch kaum denken, nirgends begegnet einem die Bau- und Alltagskunst unmittelbarer als in Denkmalen. Aber statt das Alte zu bewahren, nimmt man es lieber in Kauf, dass allerorten ein Retrogerummel einsetzt und längst verschwundene Bauten neu gebaut werden. Nun will sogar Braunschweig sein 1960 abgerissenes Schloss wiederhaben - oder doch nur die Fassaden. Dahinter nämlich wird der Otto-Konzern ein Einkaufszentrum hochziehen. Abstruser kann Geschichtspolitik nicht sein: Mit einer gigantischen Fälschung will man die Menschen ruhig stellen, um hinter ihrem Rücken die wahren Denkmäler weiter abzureißen - so zumindest kann es einem vorkommen. Fragt sich nur, ob vier Millionen Geschichtsbegeisterte sich das gefallen lassen.