An einem grauen Morgen im Herbst 1942 steigt ein großer Mann mit fülligem Gesicht in der Londoner Threadneedle Street aus einem Auto. Die Farbe seines Anzuges ist gedeckt, das Einstecktuch in der linken oberen Sakkotasche korrekt gefaltet, und er geht den kurzen Weg zum Eingang der Bank von England ohne Eile. Arthur Morse, der Chef der Hongkong and Shanghai Banking Cooperation (HSBC) dürfte geahnt haben, dass an diesem Tag die Zukunft seines Bankhauses auf dem Spiel steht. Nach einer Tasse Tee und höflichem Small Talk kommt sein Gegenüber, ein Abteilungsleiter der Zentralbank, zur Sache: Es sei nur ein "freundlicher Vorschlag", sagt er leise. Aber wäre es angesichts der unverrückbaren Tatsachen im fernen Osten nicht an der Zeit, über die Abwicklung der Bank nachzudenken? DIE HONGKONG-ZENTRALE DER HSBC vor dem Zweiten Weltkrieg

Die Tatsachen, von denen der Bankaufseher spricht, das sind vor allem die Frontlinien des Zweiten Weltkrieges. Von den Philippinen bis Birma nehmen die Japaner in Südostasien ein Land nach dem anderen ein. 33 der 37 Standorte der Hongkong Bank befinden sich in Feindeshand. Das Geschäft des Geldinstituts in den besetzten Ländern ist praktisch zusammengebrochen, alle wichtigen Angestellten aus der Region sind interniert. Die Bank steht am Scheideweg. Morse überlegt einen Moment, dann stellt er seine Tasse ab und bittet um ein Blatt Papier. Er schreibt eine Zahl mit vielen Ziffern darauf und hält es in die Höhe. "Das", sagt er, "sind unsere Geldreserven, die sich in Sicherheit befinden." Der Abteilungsleiter nickt. Von da an sprechen weder er noch andere Aufseher vom Ende der Hongkong Bank.

Das Treffen wird bis heute in keinem Archiv erwähnt. Mehr als 60 Jahre danach erscheint die Begebenheit ohnehin absurd. Die HSBC Holdings plc hat sich, nach der Bilanzsumme gerechnet, zur zweitgrößten Bank der Welt entwickelt; Nummer eins ist die Citigroup. Für HSBC arbeiten in mehr als 80 Ländern fast 220000 Menschen. Doch die Geschichte wäre anders verlaufen, hätte nicht Arthur Morse während des Zweiten Weltkrieges und danach das Steuer in der Hand gehalten. So wie er Bankaufseher überzeugen konnte, dass hohe Geldreserven entscheidender sind als offene Filialen, führte er auch die Bank zu ungewöhnlichen Zeiten: schlagfertig, selbstbewusst und kreativ. Dabei hatte Morse bis kurz vor seiner Amtsübernahme niemand auf der Rechnung. Der Endvierziger hatte kaum Erfahrung im für die Bank so wichtigen Devisengeschäft und Risikomanagement. Als General Manager Sir Vandaleur Grayburn ihn 1940 nach London schickt, will er nur den dortigen Managern den Schlendrian austreiben. Er wählt Morse, weil dieser als guter Verwalter gilt. Die Karriere des am 25. April 1892 im irischen Tipperary geborenen Sohn eines Bankers verläuft bis dahin wenig außergewöhnlich. Nach Stationen in Shanghai, London und der nordchinesischen Stadt Tientsin (Tianjin) lebt er über Jahre in Hongkong. Der kinderlose Manager verfügt in der Bank nur über ein geringes Ansehen. Ein Kollege schreibt über ihn: "Er ist ein windiger Ire, der irrelevante Geschichten erzählt. Er langweilt mich." Andere bezeichnen sein Aussehen als "kadaverhaft".

Doch das Schicksal meint es gut mit ihm. Als die Japaner drohen, auch Hongkong einzunehmen, müssen die Verantwortlichen der Bank damit rechnen, dass die Amerikaner die beträchtlichen Dollar-Reserven in New York und San Francisco einfrieren, sobald die Zentrale der Bank in Feindeshand fällt. Sie müssen das Hauptquartier verlegen. Die Wahl fällt auf London. So wird Morse am 16. Dezember 1941 kommissarischer Chief Manager und damit faktisch der oberste Unternehmenslenker.

So ungewöhnlich die Umstände seiner Berufung sind, so sehr passen sie zu dieser Bank. Karrieren wurden bis weit nach dem Krieg nicht geplant. "Es gab Gelegenheiten, und die konnte der Einzelne nutzen, oder er verschwand bald wieder", sagt der ehemalige Direktor des Centers für asiatische Studien, Frank King, der mehrere Bücher über HSBC verfasst hat. In gewisser Weise trifft das auch auf die Bank selbst zu, die der spätere Chairman des Schiffskonzerns P&O, Thomas Sutherland, am 3. März 1865 in Hongkong gründet. Sie entsteht, weil die Gelegenheit günstig ist: Die lokalen Geschäftsleute wollen ihre Abhängigkeit von europäischen Handelshäusern verringern, die den lukrativen Opium- und Teehandel kontrollieren. Rasch nimmt die Bedeutung der HSBC zu. Kurz nach der Gründung eröffnet sie Filialen in Asien, Europa und den USA. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts schlüpft die Hongkong Bank in die Rolle einer "Bank der Regierungen". Sie gibt in Hongkong Banknoten aus und erfüllt faktisch die Funktion einer Zentralbank. Das Finanzhaus wird der wichtigste Partner des britischen Staates in China und Südostasien und vergibt mit Abstand die meisten Kredite für die chinesische Republik. Nach dem Ersten Weltkrieg expandiert die Bank weiter in Asien. Dann kommen die Japaner.

Morse tritt sein Amt in der dunkelsten Stunde an. Obwohl das Überleben der Bank ungewiss ist, geht Morse vor, als hätte er sich lange für diesen Moment fit gemacht. Er bereitet das Kreditinstitut auf den Tag der Befreiung vor, lässt die Bücher aus Hongkong schmuggeln und fertigt während der Besatzungszeit zwei Bilanzen an: eine für die neuen Machthaber im Osten, die andere für die Zeit nach der Befreiung. Die Frauen internierter Mitarbeiter bittet er, an Stelle ihrer Männer zu arbeiten; denen lässt er Lebensmittel und Decken in die Lager schmuggeln.

Über die Jahre sterben Hunderte von Beschäftigten der Hongkong Bank in der Gefangenschaft, unter ihnen Grayburn und sein designierter Nachfolger David C. Edmondston. Morse ahnt, dass er nach dem Krieg auch auf die Dienste derjenigen verzichten muss, die das Martyrium der Internierung nur als gebrochene Menschen überleben. Deshalb setzt er überall Mitarbeiter, die nicht in den Krieg ziehen müssen, auf eine Art Standby-Liste. Er gibt ihnen ein halbes Gehalt und verpflichtet sie, keine andere Arbeit zu übernehmen. So können sie sofort nach der Befreiung nach Hongkong reisen und dort beim Aufbau helfen.