Denn Goebbels, der ihn persönlich gut kannte, erfasste sofort den hohen Wert gerade dieses Toten für die "Bewegung". In seinem Nachruf Bis zur Neige vom 6. März stilisiert er das Schicksal des Pfarrerssohns zu einem modernen Leben Jesu, zur Passionsgeschichte eines deutschen Messias. Daneben klingt auch das germanische Siegfried-Motiv an, der heimtückische Verrat am Helden durch die (angeblich kommunistische) Zimmerwirtin. Wessel entspricht weithin seinen imaginierten deutschen Heldenbildern und Erlösererwartungen. Goebbels sieht in Wessel einen "Christussozialisten", die reale Verkörperung des Helden aus seinem eigenen Roman Michael (1929). Wessel habe "den Kelch der Schmerzen bis zur Neige getrunken. Er ließ ihn nicht an sich vorübergehen, er nahm ihn willig und voll Hingabe. Dies Leiden trinke ich meinem Vaterland! Hebt ihn hoch, den Toten, und zeigt ihn allem Volk. Und ruft und ruft: Sehet, welch ein Mensch! Werdet nicht müde, auf ihn zu zeigen! Tragt ihn, wo ihr geht und steht, über euren Häuptern, und fragt man euch, wer dieser Tote sei, dann gebt zur Antwort: Deutschland! Es steht ein anderes Deutschland auf. Ein junges, ein neues! Wir tragen es schon in uns und über uns. Der Tote, der mit uns ist, hebt seine müde Hand und weist in dämmernde Ferne: Über Gräber vorwärts! Am Ende liegt Deutschland!"

Nicht nur in der NSDAP, auch in der evangelischen Kirche reklamierten viele Horst Wessel als neuen Helden. Man war stolz auf den Spross des Pfarrhauses. Mutter und Schwester fingen an, berühmt zu werden. Sie hatten, aus ihrer Sicht, den Sohn, den Bruder, hingegeben für die nationale Bewegung. Anlässlich der Beisetzung überließen die Mutter und die Kirchengemeinde St. Nikolai der NSDAP die Zeremonie sowie das Friedhofsgelände für eine politische Inszenierung, die Goebbels zu Propagandazwecken filmen ließ. Am Grab sprachen Pfarrer und Parteiredner. Mutter und Schwester saßen bei Gedenkveranstaltungen fortan in der ersten Reihe. Um ihre heroische Opferhaltung zu bekräftigen, traten beide 1934 in die NSDAP ein. Sie pflegten exklusiven Umgang mit NS-Größen wie Goebbels, Göring, Himmler, auch Hitler.

Nach der Einweihung eines Gedenksteins auf dem Nikolai-Kirchhof, den Hitler persönlich enthüllte, dankte die Mutter am 31. Januar 1933 Heinrich Himmler für die Teilnahme: "Die herzlichen Worte des Führers haben mir so wohlgetan und der Aufmarsch der Kameraden war die schönste Wohltat für meinen Sohn. Beim Anblick der frischen, frohen Jugend erfüllt es mich mit großer Wehmut, daß meine beiden lieben Jungen selber nicht mehr dabei sind, namentlich jetzt, wo so plötzlich die Erfüllung gekommen ist. Ich muß mich damit bescheiden, zu wissen, daß beide ihr Bestes eingesetzt haben, diese große Wende herbeizuführen. Das einzige, was bei aller Schicksalshärte mir immer wieder etwas Mut gibt, ist die Treue der Kameraden und der ganzen Partei, die vor allem meinem Ältesten so weit über das Grab hinaus zuteil wird."

Insbesondere Horst Wessels Schwester Ingeborg hütete und verwertete die Reliquien des berühmten Bruders. 1933 erschien der Bildband Horst Wessel mit Fotos aus dem Familienalbum im NS-Parteiverlag. Er habe, schreibt sie, der Partei jenes Kampflied geschenkt, das inzwischen "zum Evangelium der Bewegung" geworden sei. 1934 folgte die autoritative Biografie aus ihrer Hand. Das Buch erschien 1941 in zwölfter Auflage. Ohne Zweifel kommerzialisierte sie den Mythos. Ihr Versuch, 1933 eine Spieldose der Marke Organino mit der Melodie des Liedes auf den Markt zu bringen, wurde von höherer Parteistelle untersagt. Goebbels empörte sich wiederholt über den Geschäftssinn der Familie. Zum vierten Todestag 1934 publizierte Ingeborg Wessel im Sonntagsblatt der Deutschen Christen (DC) einen Artikel Vom Glauben meines Bruders Horst. Am Pfarrhaus Jüdenstraße, berichtet sie, grüße jetzt eine Tafel: "Hier wurden Horst und Werner Wessel zu Kämpfern für Deutschlands Freiheit und Ehre." Ihr Bruder habe das Christentum nie als etwas Reaktionäres oder dem deutschen Wesen Fremdes empfunden. "Dazu hat das Christentum zu sehr in sein Leben eingegriffen." Im Vater habe er stets ein Vorbild gesehen. Ausmärsche mit den "Kameraden" hätten oft mit gemeinsamem Kirchgang begonnen. Im Straßenkampf gegen "Rotfront" sei Horst den Weg gegangen, den ihm sein Vater gewiesen habe. Wie Jesus sei er unter das schaffende Volk gegangen, so zu handeln bedeutete ihm wahres "Christentum der Tat". Für die Idee der NS-Volksgemeinschaft sei er schließlich "gefallen".

Noch heute marschiert Horst Wessel in einer Berliner Kirche

Als Heldenmythos kehrte der Tote in die Kirche zurück. DC-Pfarrer Joachim Hossenfelder, der am 5. Februar 1933 im überfüllten Berliner Dom vor Hitler und viel Parteiprominenz die Trauerrede auf den SA-Führer Hans-Eberhard Maikowski hielt, stellte Wessel als Vorbild heraus. Hinsichtlich der NS-Märtyrer sprach er von der "großen grauen Armee" im Jenseits, die zum "himmlischen Wachtdienst befohlen" sei – bei "dem ewigen Sturm Horst Wessels". In Berlins Parochialkirche nahmen bei einem "Deutschen Dankgottesdienst" Fahnenträger und der "Horst-Wessel-Sturm" am Altar Aufstellung. Zum Abschluss erklang im Glockenspiel erstmals das Horst-Wessel-Lied vom Kirchturm. So hielt die Parteihymne über die NS-gläubigen Deutschen Christen Eingang in kirchliche Räume.

Im Februar 1936 gedachten Steglitzer DC-Gruppen seines sechsten Todestags. DC-Pastor Siegfried Flemming, der die Familie offenbar gut kannte, hielt die Ansprache. In einem zeitgleich publizierten Artikel Horst Wessel, der evangelische Pfarrerssohn schreibt er, Wessel habe stets zur Kirche gestanden. Die christliche Grundhaltung sei im Kreise seiner Parteigenossen nie Streitfrage gewesen. "Das sollte kein Deutscher vergessen. Deutschtum und Christentum sind die beiden Pole, um welche unser Leben kreist. Horst Wessel bleibt für immer ein Vorbild positiven Christentums im Dritten Reich."