Ooooooohhhhhmmmmm!" Das Mantra erklingt direkt aus der Wand. Dutzende Männer intonieren es immer wieder. So tief, so allumfassend. Es drückt den halb wachen Hotelgast wieder in die Kissen. "Ooooooohhhhhmmmmm!" Ein Tempelglöckchen klingelt. Stille.

Nein, das hier ist kein Kloster. Der Mönchsgesang gehört zum Nacht-Mix, den Francesco, der Discjockey, angefertigt hat. Om, die heilige Silbe der Hindus und Buddhisten, läuft in Dauerschleife. Sie kommt aus einem CD-Player an der Rezeption durch die endlosen Kabel des hauseigenen Soundsystems. Bis an die Bettkante. Die Lautsprecher sind am Kopfende ins Mauerwerk eingelassen.

Später am Morgen, nach dem Duschen, strömt etwas sehr Sanftes von Kruder & Dorfmeister in den Raum, diesen unfassbar weißen, unfassbar geschmackvollen Raum, an dessen Stirnseite sich eine weiße Stoffbahn im Wind der Klimaanlage kräuselt. Nachdem sich der Gast im Rhythmus der Musik die Zähne geputzt hat, tritt er auf den Balkon, überlegt kurz, ob er sich zu Kruder & Dorfmeister gleich wieder in die Hängematte legen und kenntnisreich mit dem Fuß wippen soll. Schließlich kennt er jede Note. Und dies in einem DJ-Hotel! Dann blickt er in den Himmel und sieht einen großen Pelikan, der mit ein paar Schlägen seiner Flügel zügig den makellos hellblauen Himmel durchmisst. Kann etwas schief gehen an einem Tag, der so beginnt?

Hellblau ist die Leitfarbe des Deseo. Hellblau sind die riesigen, mit Baldachinen überdachten Liegen rund um die Bar, hellblau glitzert der an den Tresen schwappende Pool, auf dessen Grund geschrieben steht: "Away from you". Hellblau sind die diskreten Päckchen, die neben dem Bett liegen. "For a good time at Deseo " steht darauf. Das eine enthält – hellblaue – Ohrstöpsel, die man wegen des Straßenlärms braucht, nicht wegen der inhäusigen Beschallung. Im anderen stecken – farblose – Kondome, die eher eine freundliche Geste sind. Außerdem hängen an der Wand: ein Strandhut, Flip-Flops, frische Bananen.

Deseo heißt auf Deutsch so viel wie "Begehren". Nicht umsonst empfiehlt die Direktion – sollte Regengott Chac mal wieder einen allzu guten Tag haben – "Lots of sex". Wenn es sein muss, kann der Weg von der Bar zum Bett sehr kurz sein. Schon aus architektonischen Gründen: Die 15 Zimmer gruppieren sich um einen offenen Innenhof im ersten Stock. Von der Straße führt eine breite Treppe hinauf, deren Steilheit an einen Maya-Tempel erinnert. Sie allein schon verursacht bei manchen Passanten Schwellenangst. Oft bleiben Gruppen vor der Treppe stehen und beratschlagen. Oft tragen sie Plastikarmbänder der umliegenden All-Inclusive-Resorts. Manchmal wagt sich eine Abordnung nach oben, kommt schulterzuckend wieder herunter. Doch in der ersten Etage, in der Lounge des Deseo, warten keine grausamen Gottheiten auf Menschenopfer. Hier, im Wendekreis des Cocktails, opfert man höchstens seine Pesos für eine Margherita. Vielleicht für eine Hand voll Pesos mehr als woanders.

Für US-Bürger ist die Halbinsel Yucatán etwa das, was für Deutsche Mallorca ist: gut erschlossen und schnell zu erreichen. Aus den südlichen Bundesstaaten ist es nur ein Sprung hierher. Das macht man schon mal für ein Wochenende. Playa del Carmen, rund eine Autostunde südlich von Cancún an der mexikanischen Karibikküste gelegen, galt vor zehn Jahren noch als verschlafenes Fischerdorf. Heute wird die Zahl der Einwohner mit 70000 angegeben. Diese Expansion verlief – anders als beim Reißbrettprojekt Cancún – nicht planvoll, sondern im freien Spiel der Kräfte. Cancún ist eine Art Las Vegas für die Älteren. Playa del Carmen wurde erst von Backpackern, dann von Künstlern und Aussteigern kolonisiert und ist längst im Pauschal-Alltag angekommen. In der Hochsaison verwandelt sich die Quinta Avenida in eine Biermeile, und der Strand ist durchgängig bewirtschaftet.