Während ich diese Zeilen schreibe, liege ich auf einem Bett, das mitten in der Wildnis zwischen dem Mount Kenia und dem Ostafrikanischen Graben steht. Um das Bett herum wächst hohes Gras, dann kommen ein paar Büsche, dahinter beginnt die Steppe, und noch weiter hinten liegt ein See. Am anderen Ufer des Sees zieht gerade eine Herde Elefanten vorüber; im Mondlicht sind nur ihre Silhouetten zu sehen, ein Bild wie in prähistorischer Zeit. Wenn es nicht eigentlich zu dunkel zum Schreiben wäre, müsste man schreiben: stille Unendlichkeit, unendliche Stille. Nur Gezirpe, Gequake, Gezische, nur Geraschel und Gesäusel. An Schlaf ist nicht zu denken, denn ich bin von Gefahren umzingelt. Angenommen, ich würde rechts von einem Löwen überrascht und nach links flüchten – es könnte sein, dass ich von einem Büffel aufgespießt würde. Angenommen, ich würde am Fußende des Bettes Besuch von einer schwarzen Mamba bekommen und übers Kopfkissen rausspringen – es könnte sein, dass mich eine Python beißt. Diese Wildnis! Und als plötzlich ein Löwe brüllt, weiß ich endlich, was es heißt, wenn jemand sagt: »Mir blieb fast das Herz stehen.« Ein Bett unter dem Himmel Kenias.
Und nachts brüllen die Löwen

Nairobi, Wilson Airport. Die Maschine nach Nanyuki geht in einer halben Stunde, sagt die Frau am Ticketschalter der AirKenya. Ich lege 72 Dollar auf den Tisch, nehme den Flugschein und laufe die Treppe zum Warteraum runter. Eine ältere Dame sitzt auf der Bank. Sie hat graumeliertes dickes Haar, schulterlang. Sie trägt ein Hemd, darüber eine Weste, die von einer silbernen Schlange zusammengehalten wird. Unauffällig ziehe ich Kuki Gallmanns Biografie aus dem Rucksack, blicke auf das Coverfoto. Sie ist es. Die ungewöhnlichste Hotelbesitzerin der Welt. Mit einem Lachen begrüßt sie mich. »Ich hatte in Nairobi zu tun«, sagt sie, »wir fliegen zusammen.« Ein Angestellter der Airline bittet uns, durch eine Sicherheitsschleuse zu gehen; dass die Sicherheitsschleuse defekt ist, wird ignoriert – der Angestellte wäre sonst arbeitslos. Eine Stunde später landen wir in Nanyuki, steigen in eine Cessna, um weiter zu Kuki Gallmanns Ranch Ol Ari Nyiro zu fliegen.

Das 350 Quadratkilometer große Anwesen liegt auf dem Laipikia-Hochplateau, einer Landschaft aus Steppe und dichtem Buschwerk. Zebras und Antilopen rennen davon, als unser Flugzeug sich nähert. Der Pilot fliegt so tief, als wolle er die Baumwipfel absägen. Wir sehen einen einsamen Läufer vom Stamm der Samburu, mit einer roten Decke über der Schulter, die aus der Luft einer Klatschmohnblüte gleicht. Noch einmal dreht die Maschine nach rechts, dann taucht zwischen Gelbfieberakazien, Hibiskussträuchern und purpurroten Bougainvilleen das Strohdach der Farm auf.

Kuki Gallmanns Biografie ist der Traum einer italienischen Bildungsbürgerin von Afrika. Eine Geschichte, die in 21 Sprachen übersetzt wurde; sie zeigt, dass die Suche nach dem Glück ein langer Weg sein kann und es zu finden eine Tragödie. 1973 kam die in Venedig geborene Autorin mit ihrem Mann Paolo und Sohn Emanuele nach Kenia, um ein neues Leben zu beginnen, fasziniert von der Idee, das Wilde und das Kultivierte zu verbinden. Sie kauften Land und bauten eine Farm. Der Schicksalsschlag ereignete sich 1980, als die Familie auf dem fremden Kontinent heimisch geworden war: Paolo wurde bei einem Verkehrsunfall getötet. Drei Jahre später starb Emanuele, eine Giftschlange hatte ihn gebissen, er war erst 17.

Kuki Gallmann stürzte sich in die Einsamkeit. Wochenlang lief sie durch die Wildnis, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, nichts im Gepäck als den Schmerz. Die Natur, sagt sie, habe sie geheilt und sie aus der »Qual der lähmenden Tiefe« befreit. Zum Schutz der Natur gründete sie später die Gallmann Memorial Foundation. Heute forschen Wissenschaftler und Studenten aus aller Welt auf ihrem Land, es ist eines der wenigen intakten Ökosysteme in Ostafrika, womöglich das einzige. Jedes Wochenende kommen Kinder der umliegenden Dörfer, um einen respektvollen Umgang mit Tieren und Pflanzen zu erlernen. Und für Reisende hat Kuki Gallmann hoch über der Mukutan-Schlucht eine Lodge errichtet, die einen Platz in der Schöner-wohnen-Bibel African Interieurs verdient hätte.

»Douglas wird Sie nach dem Lunch nach Mukutan fahren«, sagt Kuki Gallmann. Wir sitzen an der weiß gedeckten Tafel in ihrem Garten, der mit den alten Bäumen und der stattlichen Rasenfläche eher einem Park gleicht. Eine Bedienstete serviert Antipasti und Rucola-Salat. Das Gemüse wird biologisch angebaut und findet leider auch tierisches Interesse, denn wie in deutschen Kleingärten nachts die Kaninchen den Salat anfressen, so schleichen sich hier bei Dunkelheit die Elefanten ins Zucchini-Beet. Elefanten sind Feinschmecker, sagt Kuki Gallmann und schaut dann für einige Sekunden zu den grünen Hügeln am Horizont, während aus dem Haus das berühmte Adagio von Tomaso Albinoni tönt. »Diese Musik geht mit der Landschaft. Sie soll bei meiner Beerdigung gespielt werden.« Solche Sätze klingen aus ihrem Mund unpathetisch. Dann erzählt die 60-jährige Kenianerin, dass das Interesse des Menschen an der Schönheit der Natur immer auch Kennzeichen seiner schönen Seele sei. »Wer sich von der Natur entfernt, entfernt sich vom Leben.«

Wutschnaubend schießt ein Büffel aus dem Buschwerk, und das ist ganz untypisch für diese Art Tier. Denn normalerweise ist es so: Der Büffel sieht den Menschen, weicht aus und verschwindet. Man hat ihn längst vergessen, da greift er an. Von hinten! Auf der Fahrt zur Lodge jedoch rennt er direkt auf den Jeep zu und bleibt kurz vor der Beifahrertür stehen. Ich erstarre, Auge in Auge mit dem Tier. Vier Sekunden mögen es sein, vielleicht auch fünf, eine Ewigkeit. Der Rancher auf dem Rücksitz legt das Gewehr an.

»Es wäre schön, wenn sich die Natur jetzt entfernt«, denke ich, und da dreht das kleine Monster auch schon ab. »Die Gruppe hat ihn ausgestoßen, deshalb ist er besonders aggressiv«, sagt der Fahrer und entschuldigt sich für den Schrecken, als habe er es versäumt, dem Büffel ein derartiges Intermezzo zu verbieten. Douglas Naji ist 29 Jahre alt, er kennt die Tiere wie seine Familie und liest ihre Fährten, wie andere Leute Bücher lesen. Er hat den sanften Blick einer Gazelle und weiß in entscheidenden Sekunden zuzupacken. In den nächsten Tagen wird er mich Schritt für Schritt begleiten. »Verlassen Sie die Lodge nicht allein«, sagt er, als der Jeep auf den Parkplatz vor der Mukutan-Lodge rollt.

Mukutan bedeutet so viel wie »Ort der Begegnung«. Mehrere Canyons laufen hier zusammen. Die vier runden Hütten der Lodge sitzen mit ihren Strohdächern wie Vogelnester im Grün oberhalb eines Steilhangs. Es sind Kompositionen aus Holz und Sandstein, die in ihrer Ästhetik Kuki Gallmanns Ranch ähneln und auch im Inneren die Farben der Natur aufgreifen: das Rot der Erde, das Braun des Teaks, das zarte Grün des Steppengrases. Zentrum jeder Hütte ist ein zum Bad und zur Schlafstelle offener Kamin, dessen Schornstein zur Spitze des Strohdaches hinaufragt. Auf dem Kaminsims entdecke ich ein Schwarzweißfoto, es zeigt Kuki Gallmann vor einem Feuer, während der legendären Verbrennung von Elefantenstoßzähnen im Juli 1989, mit der das Ende des Elfenbeinschmuggels in Kenia öffentlich besiegelt wurde.

Über einem Schreibpult stehen Bücher wie Birds of Kenia, und gleich dahinter führen zwei Stufen zur Terrasse hinab. Natürlich gibt es keine Fenster, und da es nach Sonnenuntergang etwas frisch werden kann, beginnt jede Nacht mit der kleinen Freude über die Wärmflasche, die das Bett angenehm vortemperiert. Es sind die wenigen Momente, in denen man daran erinnert wird, im Hotel zu sein. Das Luxuriöse besteht hier darin, dass sich das Gefühl von Hotelleben völlig auflöst und dass man sich nach dem Frühstück nur noch zwischen Spaziergängen, Jeepfahrten durch die Natur oder Lesen am Pool entscheiden muss.

Mukutan ist, wie Esoteriker sagen würden, ein Ort, der die Seele reinigt. Hier gibt es keinen Fernseher, und auch die Konsumfallen Gucci und Prada gibt es nicht. Entrückt von der Zivilisation, wird es einem nie langweilig, auf die Schlucht zu schauen und seinen Gedanken nachzuhängen. Macht die Natur deshalb so glücklich, weil sie keine Meinung von uns hat? Wie lässt sich vermitteln, dass diese Stille eines der schönsten Konzerte ist? Warum wirken die unverschämt bunten Vögel so paradiesisch? Oder ist man bereits im Paradies angekommen?

Manchmal wackelt eine hellblaue Echse vorbei, bleibt vor meinen Füßen stehen, reckt ihren orangefarbenen Kopf in die Luft und blickt hoch. Ich taufe sie »Rotkopfechse am Fuße der Holzliege«, das dürfte legitim sein, denn auch Orte werden hier oft nach einem Ereignis benannt. Als Kuki Gallmann in der Nähe eines Sees ein Gehege für ein Schwarzes Nashorn bauen ließ, erhielt das Gewässer den Namen »Der See am Gehege des Nashorns« (damu ya boma ya faru). Irgendwann tauchte ein Nilpferdbulle auf, niemand wusste, wie, und schon wurde aus dem See am Gehege des Nashorns »Der See des Nilpferds am Gehege des Nashorns« (damu ya kiboko ndani ya boma ya faru).

In Serpentinen zieht sich der Fußweg zur Schlucht hinunter, in deren Mitte ein schmaler Fluss verläuft. Es riecht nach wildem Salbei, der auf Suaheli lelechwa genannt wird. Vor einigen Jahren war Kuki Gallmann aufgefallen, dass Nashörner sich ständig an den Pflanzen reiben und dass sie eine extrem gesunde Haut haben. Sie ging der Sache auf den Grund: Dermatologische Studien bestätigten die heilende Wirkung bei Kratzern, kleinen Wunden und Sonnenbrand. Seitdem stellt sie aus den Pflanzen Öl her. Lelechwa wächst auf ihrem Grund wie bei uns der Löwenzahn. Er trägt zur malerischen Unordnung dieser Landschaft bei, die gemütlicher ist als jeder mit der Heckenschere zurechtgestutzte Garten.

Die Schlucht ist ein Biotop für Echsen und Vögel und für die verfluchtesten Tiere des Feldes, doch in dem dichten Grün aus knorrigen Bäumen und Bartflechten, in dem sich Äste und Lianen wie Schlangenleiber verknoten, sind echte Puffottern und Pythons kaum wahrzunehmen, vor allem für das ungeübte Auge. »Die Flora und Fauna sind hier so einzigartig, weil es kaum Menschen gibt«, erklärt Douglas, als wir am Ziel dieser Wanderung angekommen sind. Das Wasser gurgelt und strudelt, bevor es über Granitfelsen in die Tiefe stürzt. Ganz unten ist ein Höhleneingang zu sehen. Steinwerkzeuge sind dort gefunden worden, aber genau erforscht, sagt Douglas, sei die Höhle noch nicht.

Was unterscheidet diesen Platz von den Nationalparks? »In Kenia leben rund 30 Millionen Menschen. Viele sind an den Rändern der Nationalparks sesshaft geworden, diese Plätze waren vor 30 Jahren noch unbewohnt. Löwen reißen ihre Rinder, die Elefanten machen sich über ihren Mais her.« Und die Farmer bringen sie dann um? »Sollen sie ihre Existenz aufgeben, um die Tiere zu erhalten? Auf Kuki Gallmanns Grund wird kein Baum gefällt und kein Tier getötet.«

Ende der fünfziger Jahre hatte man in Kenia erstmals bewusst wahrgenommen, dass bestimmte Tierarten vom Aussterben bedroht sind. Es war ein Gejage und Gemetzel, das in den Zwanzigern mit Einzug der europäischen Aristokratie begann und von Karen Blixen romantisch verklärt wurde. Damals wimmelte es noch von Löwen wie heute nur noch von Insekten. Die white hunters trafen sich in der Bar des Norfolk-Hotels in Nairobi und beauftragten lokale Schneider, Safarikleidung für den nächsten Tag anzufertigen. Der berühmteste weiße Jäger war US-Präsident Theodore Roosevelt, er ging mit 500 Leuten auf Safari, selbst Champagner musste in die Pampa transportiert werden.

1977 verbot die kenianische Regierung die Großwildjagd, doch der Konflikt zwischen Mensch und Tier erreichte erst in den frühen neunziger Jahren seinen Höhepunkt. Allein in dieser Zeit erschossen Wilderer rund 150000 Elefanten für den Handel mit Elfenbein. Noch heute patrouillieren auch auf Kuki Gallmanns Grundstück die Ranger, um mögliche Wilderer zu stellen.

Eine halbe Stunde sitze ich an diesem dritten Tag mit Douglas am Wasserfall, und vielleicht braucht es auch eine gewisse Zeit und ein gewisses Vertrauen, um einem Fremden eine Geschichte zu erzählen, die viel über das Leben in Kenia sagt und gleichzeitig an die zaubermächtige Circe erinnert. Vor einigen Jahren, sagt Douglas, sei eine kenianische Frau zu einer Magierin gegangen, weil ihr Mann sich stets außer Haus amüsierte. Die Magierin habe ihr einen Badezusatz gegeben. »Der Mann stieg ins Wasser und verwandelte sich in einen Fisch.« Ob er so etwas glaube, frage ich später, als wir aus der Schlucht zur Lodge raufkraxeln, »schließlich wäre es denkbar, dass der Mann einen Fisch in die Wanne gesetzt und sich dann aus dem Staub gemacht hat«. Man merkt Douglas an, dass er die Frage weder mit Nein noch mit Ja beantworten möchte.

»Was wissen wir schon vom Übersinnlichen?«, fragt er, während ich unachtsam in ein goldmetallic schimmerndes Netz laufe und kämpfe, um wieder herauszukommen. Ein golden orb weaver spider hat es gesponnen. Das Tier sitzt keine fünfzig Zentimeter weiter auf einer Gelbfieberakazie. Douglas greift an die Rinde des Baumes und sagt: »Er verdankt seinen Namen einem Irrtum, die Menschen dachten damals, dass durch ihn das Fieber übertragen werde. Er wächst in feuchten Gegenden. Dort gibt es auch Mücken.« Zwei haushohe Gelbfieberakazien stehen in Kuki Gallmanns Garten dicht zusammen. Sie hatte sie als winzige Triebe auf die Gräber ihres Sohnes und ihres Mannes gepflanzt. »Ich wollte, dass sich die Wurzeln irgendwann mit ihren Überresten verbinden und Paolo und Emanuele durch die Baumkronen in den Himmel blicken.«

Kuki Gallmann trägt an diesem Abend in der Mukutan-Lodge einen schwarzen, knielangen Kittel im Stil des Maoismus, über der rechten Schulter einen bordeauxroten Schal. Wir sprechen über Kolonialismus und ob es möglich ist, ein Stück Land in Besitz zu nehmen, ohne es zu kolonialisieren. Die Lodge hat sie an dieser Stelle errichtet, weil es Emanueles Lieblingsplatz gewesen sei. Ob sie sich allein fühlt? Sie sagt: »Allein fühle ich mich, wenn ich auf Reisen bin und die Vögel in meinem Garten nicht hören kann.« Manchmal zieht sie sich in ihr »Nest« zurück, eine kleine Hütte oberhalb des Pythonsees, in die weder Freund noch Fremder Einlass finden. Und weil sie eine verrückte Romantikerin ist, hat sie ein riesiges Bett unter freiem Himmel gebaut, das rund einen Kilometer hinter ihrer Farm steht. »Dort sollten Sie morgen schlafen«, sagt sie. »Es wird eine der schönsten Nächte Ihres Lebens sein.«

Es ist 1.25 Uhr. Über dem Freiluftbett fliegt ein Passagierflugzeug. Ein kleiner Punkt, der im Schwarz des Himmels blinkt. Wahrscheinlich ist es auf dem Weg von Südafrika nach Europa. Kurz nach fünf schaue ich ein letztes Mal auf die Uhr. Dann schlafe ich ein. Ich träume, dass ich mich in einen Geparden verwandele und mich unauffällig davonschleiche. Den Löwen ist das völlig egal. Den Büffeln auch. Und die schwarze Mamba hat nichts gesehen.

 * Infos zum Hotel