Das Romantische an sich

Viele Menschen waren noch nie in einem Hotel. Das muss man sich vorab klarmachen, denn obwohl viele Menschen noch nie im Hotel waren, waren die meisten schon einmal in einer romantischen Situation. Es besteht also kein zwingender Zusammenhang zwischen Hotels und romantischen Situationen – auch wenn die Bauernfänger vom gehobenen Beherbergungsgewerbe uns etwas anderes einreden wollen. Sie versprechen uns die Befriedigung jener geheimen Wünsche, die nie zu befriedigen sind, an denen sich aber umso besser verdienen lässt. Deshalb werden immer mehr ehrbare Häuser mit absonderlichen Namen verunziert. Was früher Hotel Post hieß, heißt neuerdings Romantik Hotel Post, und der Gasthof Zum Metzgerwirt heißt Romantik Hotel Zum Metzgerwirt. So verleiht man dem Biederen einen Hauch von Etablissement.

Doch nicht nur im ländlich-sittlichen Raum treibt der Romantizismus sein Unwesen. Wer in einer fremden Stadt arglos das nächstbeste Hotel betritt, kann unversehens in eine "Champagnerwoche für Verliebte" hineingeraten. Möchte man das? Möchte man, dass halbseidene Marketingstrategen einem, verschwörerisch zwinkernd, ihre überdimensionalen Badewannen zur Benutzung anempfehlen? Nein. Man möchte selbst entscheiden, wann man badet und wann nicht. Man will nicht angezwinkert werden von Leuten, deren Vorstellung von Romantik die Herstellung von "Romantik-Gutscheinen" unmittelbar nach sich zieht.

Zur Ehrenrettung der Marketingstrategen muss gesagt werden, dass der Missbrauch des Wortes Romantik insofern historisch legitimiert ist, als eine befriedigende Definition seit seinem Aufkommen im 17. Jahrhundert fehlt. "Romantisch" bedeutete zunächst: dem Geist der Ritterdichtung entsprechend. Nachher wurde es im Sinne von fantastisch und geheimnisvoll gebraucht. Deshalb darf man es mit Recht auf alle wichtigen Spielarten der Liebe im Hotel anwenden, sowohl auf den Seitensprung und die Hochzeitsreise als auch auf jene Abenteuer des Herzens, die nicht in Badewannen bestanden werden, sondern auf Distanz. Kummervoll sitzen die Protagonisten in ihren Einzelzimmern, durch ungnädiges Schicksal voneinander getrennt – doch gerade solche Episoden muss man romantisch nennen, seit Romantik zum Epochenbegriff wurde und das Rührselige ihr wesentliches Merkmal.

Leider konnte auch der legendäre Definitionsversuch des Theaterkritikers Heinrich Laube in der Zeitung für die elegante Welt vom 18. November 1833 das Problem nicht abschließend klären: Was ist romantisch? Der Übersichtlichkeit halber verwenden wir das Wort daher genauso wie die Hotelbroschüren, also im Sinne von "der erotisch inspirierten Zweisamkeit irgendwie zuträglich".