Es gibt Familiennamen, von deren Trägern man zu wissen meint, wo sie leben. Der Josef Huber, auch Huber Sepp genannt, wohnt selbstverständlich nicht in Schleswig-Holstein, sondern in Bayern. Ihm zur Seite steht die Huber Maria. Der häufigste Name ist zwar im Freistaat wie im Übrigen Deutschland Müller. Doch dem Müller folgt in Bayern nicht, wie bundesweit, der Schmidt, sondern tatsächlich der Huber. In Rosenheim, Landshut und Ingolstadt rangiert er in der Liste der häufigsten Namen sogar an erster Stelle; bundesweit liegt Huber erst an vierzigster. In München, wo er den zweiten Platz einnimmt, zählte man im vergangenen Jahr weit über fünftausend Hubers. Unter den zehn häufigsten Namen Münchens gibt es vom Fischer über den Weber und Schmied bis hin zum Meier keinen einzigen Nachnamen, dessen Bedeutung nicht leicht aus einem Berufsstand abzuleiten wäre. – Doch was macht eigentlich ein Huber?

Klärt man diese Frage, wird verständlich, warum der Huber so häufig in Bayern anzutreffen ist: Der Huber ist ein Erblehensbauer, ihm gehört ein 30 bis 60 Morgen großes Stück Land. Sein Name leitet sich von der Hufe ab, dem Acker-(und Durchschnitts-)Maß eines bäuerlichen Grundbesitzes. Dem enspricht im süddeutschen, österreichischen und Schweizer Sprachraum die Hube. Die althochdeutsche huoba ist übrigens mit dem griechischen k e˜pos beziehungsweise dem albanischen kopshtë verwandt, dem "Garten" oder "eingehegten, bepflanzten Land". Durch Lautverschiebung verwandelte sich das indogermanische k zunächst in das weichere ch, im Althochdeutschen blieb nur noch das h. Viele Hubers kennen die Bedeutung ihres Namens heute selbst nicht mehr, sogar die Älteren unter den Namensträgern geben auf die Frage "Was macht eigentlich ein Huber?" bisweilen treuherzig ihren persönlichen Beruf an. Dabei beackern viele von ihnen immer noch Land oder treiben zumindest deren Großeltern Landwirtschaft. Doch wenn schon der Huber-Enkel das schwere Erbe des Hofes nicht immer antritt, so trägt er doch vielfach von Geburt an – neben dem Familiennamen – ein anderes, ein leichteres mit sich: den Vornamen Josef, der gern traditionell vom Vater an den Sohn weitergegeben wird. "Gott möge vermehren", so lautet die Übersetzung des Namens aus dem Hebräischen, damit passt er also hervorragend zu einem tüchtigen Erblehensbauern. Vom 18. Jahrhundert an bis um die Mitte des 20. Jahrhunderts belegt der Name Josef Spitzenpositionen in allen katholischen Gebieten des deutschen Sprachraums. Er ist seit der Gegenreformation Ausdruck der Verehrung des Nährvaters Jesu – der ein Zimmermann war, wie jedermann weiß.

Krafthuber und Schwindelhuber, Vereinshuber und G’schaftlhuber

"Der Name Josef taucht überall dort besonders häufig auf, wo es dichte Waldbestände gibt", sagt Helmut Weinacht. "Um die etymologische Bedeutung eines Namens wissen die Menschen in der Regel nicht viel. Wenn sie aber in ihrem Holzkirchlein sitzen und dort den Josef als Altarfigur mit Säge und Hammer sehen, beeinflusst das ihre Namenswahl." Helmut Weinacht arbeitet am Institut für Germanische Sprachwissenschaft und Mundartkunde der Universität Erlangen-Nürnberg, die Namensforschung ist eines seiner Fachgebiete. So weiß er auch, wie solche pejorativen Abwandlungen wie "Bildungshuber" entstanden sind. "Ein Bildungshuber ist dasselbe wie ein Schlaumeier", sagt Weinacht. "Jeder hält sich doch für besonders klug, und in Gegenden, in denen der Name Huber häufig vorkommt, steht die Namensendung einfach für jedermann." Die entsprechende Vorsilbe verweist auf die besonders plakativ vor sich hergetragene Eigenschaft des jedermanns, sei der nun als Bildungshuber ein Angeber bezüglich seines Wissensschatzes, als Krafthuber einer, der mit seiner Stärke prahlt, oder als Schwindelhuber ein gewiefter Betrüger. Das Herkunftswörterbuch kennt sie alle, nicht zuletzt auch den Vereinshuber (den es, ebenso wie den Krafthuber, auch als -meier gibt). Die Telefonauskunft kennt davon gottlob keinen: "Bundesweit kein Eintrag" heißt es dort zu allen vier Namen. Der urbayerische G’schaftlhuber, auch ein ganz Schlauer, der immer und überall mitmischen muss, ist dort ebenso wenig gemeldet. Mit immerhin 26 Vertretern bereichern laut deutschem Who’s-who-Lexikon die Hubers die Gesellschaft, im Vergleich zu den Hunderten von Müllers und Schmidts sind sie damit aber deutlich in der Unterzahl. Während es sich beim Müller und beim Schmied um fast ausgestorbene Berufe handelt, arbeitet der Huber wohl auch heute noch häufig in der Landwirtschaft.

Einen neuen Berufszweig hat sich jedoch ein Huber-Sprössling bereits erkämpft, es ist die Profi-Tennisspielerin Anke Huber aus Bruchsal. Ein CSU-Politiker gleichen Namens ist noch bekannt, der Huber Erwin, Chef der bayerischen Staatskanzlei, daneben ein Geistlicher, Wolfgang Huber, Bischof der evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Der Huber Klaus, 1924 in der Schweiz geboren, ist vielleicht etwas weniger prominent. Als Komponist schrieb er geistliche Vokalwerke wie Erniedrigt – geknechtet – verlassen – verachtet. Huber Nicolaus aus Passau ist ebenfalls Komponist geworden. Nur 15 Jahre später geboren, tragen seine Stücke aber moderne Titel wie Hara Kiri oder Go Ahead. Der Musikwissenschaftler und Volksliedforscher Kurt Huber dürfte noch in Erinnerung sein; er lehrte an der Münchner Universität und galt als geistiger Mittelpunkt der Weißen Rose. 1943 wurde er hingerichtet. Neben Musikern, Juristen, Baumeistern und Malern gibt es schließlich auch einen Biochemiker, den Huber Robert, 1937 in München geboren. Er hat in den achtziger Jahren die dreidimensionale Struktur des fotosynthetischen Reaktionszentrums eines Bakteriums erforscht, seitdem darf er sich Nobelpreis-Huber nennen.