Bei der Nachricht vom Tod seiner Schwester Fanny soll er, nach einem Aufschrei, das Bewusstsein verloren haben. "Ich habe nur immer den einen Gedanken, wie kurz die Lebenszeit sei", schrieb Felix Mendelssohn nach diesem Unglück im Mai 1847. Ein halbes Jahr später erlag der 38-Jährige selbst einem Hirnschlag. Zuvor hatte er aber noch ein Streichquartett in f-Moll geschrieben, sein sechstes und subjektivstes. Man mag einem programmatischen Hören misstrauen, das oft allzu leicht Werk und Leben sich gegenseitig erklären lässt - aber in dieser Musik kommt man nicht umhin, rasende Trauer wahrzunehmen.

Während Mendelssohns frühere Quartette mit aufwärts schwingenden Themen beginnen, klar und mitsingbar, wütet hier ein finsteres Tremolo, gegen das eine grelle Schmerzensfanfare gesetzt wird. Expressionismus unterwirft sich die Form in einer Atmosphäre, wie sie hundert Jahre zuvor der Musiktheoretiker Mattheson für die Tonart f-Moll beschreibt: "... tieffe und schwere / mit etwas Verzweifflung vergesellschaffte / toedliche Hertzens=Angst ... schwartze / huelflose Melancholie ..." So hat es jetzt auch das Henschel Quartett gespielt (Arte Nova 74321 96521 2, die CD enthält außerdem das frühe opus 12).

Die Henschels nehmen Mendelssohns Noten existenziell ernst, ohne in der Leidenschaft die Vielfalt aufzulösen und das Sprechende. Die erwähnte Fanfare ist so eindringlich, weil sie nach dem Auftakt noch einen beißenden Akzent bekommt. Der ist nicht vorgeschrieben, ergreift einen aber mehr als der glatte Übergang, den an derselben Stelle das Leipziger Streichquartett wählt.

Die beiden Ensembles haben das Stück jetzt im Rahmen von Gesamteinspielungen vorgelegt und sehr verschiedene Perspektiven realisiert: drängender Aufbruch, gediegener Abschluss. Denn gediegen ist durchaus, was die Leipziger Musiker bieten (MDG 307 1056, die CD enhält auch opus 44, 3).

In opulenter Akustik spielen sie einerseits schwelgend, was das philharmonische Aufladen auch nebensächlicherer Töne angeht, andererseits nüchtern, weil sie Zuspitzungen vermeiden. Ein Cellosolo, das bei ihren Kollegen als Glückserinnerung hervordrängt, hat bei den Leipzigern etwas Abstraktes. Da kommt eher die Architektur ans Licht als der subjektive Impetus, dem die Henschels in griffiger Akustik folgen. Im Finale überzeugen beide Ensembles, im Adagio wirken sie beide ratlos bis pauschal. Was aber das Henschel Quartett in den ersten beiden Sätzen macht, ist konkurrenzlos spannend, vielseitig und brennend, voller Interesse an dem, was Noten sagen können.

Da hört man oft etwas, das nicht ins Biografenbild vom Abschied nehmenden Frühvollendeten passt. Der zweite Satz bebt vor Wut. Wie wenn einer den Tod vor den Kopf stößt: "Du stehst im Weg, Narr, lass mich durch."