Wenn am Abend der letzte Monsunschauer über die Stadt hinweggezogen ist – und er das Blei des Indischen Ozeans endgültig im Himmelsgrau hat aufgehen lassen, wenn die cremefarbenen, mit schwarzen Flechten marmorierten Hochhäuser wieder aussehen, als wären sie gerade aus dem Lehm gespült worden, dann hört man, wie die Trommeln sich nähern. Es lärmt ohnehin. Alle Hupen hupen, und zwar dauernd, Busse dieseln, Ambassador- Limousinen aus den Sechzigern röhren ohne Auspuff. Im Funzellicht Bombays tanzen 30, vielleicht 50 Leute auf der Fahrbahn, während der Verkehr ungebremst an ihnen vorbeitost.

In ihrer Mitte zockelt ein Wägelchen mit einem lichterbekränzten und blumengeschmückten Ganeesh, etwa so groß wie eine Küchenmaschine. Der niedliche kleine Kerl hat Geburtstag, der Elefantengott des guten Gelingens, der Hindernisse aller Art aus dem Weg räumt und für Wohlstand und Familienglück sorgt. Kein anderer Gott ziemte Bombay, dem wirtschaftlichen Power-Haus Indiens. Und nun ist sein Ziel der nächstgelegene Strand, wo das Grüppchen sich mit anderen Feiernden vereinigen wird, wo sie ihre pujas, ihre Gebete, verrichten und den Gott im Meer versenken werden, Zeichen der Vergänglichkeit und Ausdruck der Hoffnung auf seine Wiederkehr. Ganeesh Charturthi, zehn Tage lang, ist das größte Fest der Stadt, fröhlich, lärmend, bunt, aber auch abgründig und voller Hysterien – protzig, wichtig tuend und surreal.

Heftige Kanonenschläge unterbrechen auf einmal das Getrommel, einige Zaungäste zucken zusammen. Es waren nur harmlose Böller. Diese Stadt hat nicht mal ein Kurzzeitgedächtnis, heute ist heute, und morgen ist morgen, aber so ganz ist die Erinnerung an die Bombenanschläge vom 25. August noch nicht verblasst, als zwei von islamistischen Terroristen gleichzeitig gezündete Sprengkörper am Gateway of India und am Zaveri Bazar 52 Menschen in den Tod gerissen hatten.

Nichts ist mehr unbefangen in Bombay, schon gar kein Volksfest, nichts ist unschuldig. Tage danach waren die Zeitungen voller Durchhalteparolen, gepflastert mit Geschichten über die unerschütterlichen "Mumbaikaars", die Leute von Bombay, die sich ihre Stadt nicht kaputtbomben ließen. Models und Popstars unterstrichen in Interviews immer wieder, wie unvergleichlich ihre Stadt sei. Doch das war alles lautes Singen im dunklen Wald. Das Unbehagen bleibt spürbar, allein seit dem vergangenen Jahr war Bombay der Schauplatz von sechs schweren Anschlägen mit Toten und Verletzten.

Indien stellt sich – wieder einmal – auf Terrorismus und Gewalt ein, aber es lässt sich nicht länger immer nur der pakistanische Geheimdienst dafür verantwortlich machen. Die neuen Terroristen sind Inder muslimischen Glaubens, akademisch gebildet, den aufstrebenden Mittelschichten zugehörig. Etwa 130 Millionen Muslime leben in Indien, ihre politische Vertretung ist schwach, insgesamt gehören sie zu den sozialen Absteigern des vergangenen Jahrzehnts. Dass sich Inder im Dschihad befinden, löst Fassungslosigkeit aus. Es gehört zu den Phänomenen, die das Land verstören und verunsichern, seit es sich zu Beginn der Neunziger wirtschaftlich geöffnet hat. Das globale Geld und das globale Fernsehen haben Westliches und Gegenwestliches ins Land gespült, noch immer staunt Indien über die Veränderungen in der Lebenskultur und über die neuen Werthaltungen, die sich die Menschen plötzlich zu Eigen gemacht haben.

Im Fernsehen tanzen schöne Frauen in bunten Saris

Cyrus Oshidar meint: "Du brauchst Zeit, um das zu begreifen: Ein paar hundert Kilometer nördlich von hier werden Menschen auf bestialische Weise massakriert, während der Rest der Leute nur zwei Dinge im Kopf zu haben scheint, dance and romance." Cyrus ist 39. In einer Stadt, die sich mit riesigen Billboards schmückt, als müssten die Götter Bollywoods jeden Tag aufs Neue milde gestimmt werden, gehört er zu den Spielern im Mediengeschäft Bombays. Cyrus stammt aus einer parsischen Familie, wuchs in London auf und kam erst vor vier Jahren hierher, wo einst seine Vorfahren lebten. "Ich reiste nicht etwa nach Hause. Ich warf mich freiwillig in einen Albtraum – Klima, Chaos, Aids, der Verkehr, die Bürokraten, alles ist Kampf. Und trotzdem kannst du hier viel machen, wenn du etwas zustande bringen willst. Bombay ist beweglich." Er hat MTV-India mitgegründet, heute ist er der Kreativdirektor des Unternehmens. Sein Büro ist ungefähr drei Quadratmeter groß, vom umgebenden Gewusel nur durch eine munter schwingende Klappe in Brusthöhe abgeteilt. "Am Anfang sendeten wir das internationale MTV-Programm und floppten damit grandios. Dann haben wir das Design auf Indisch umgestellt und bestreiten jetzt mehr als die Hälfte der Sendezeit mit einheimischer Süßware. Niemand will hier HipHop oder Rap hören, es gibt keine Streetgangs, nicht mal in Bombay. Indien ist ein Land ohne Jugendkultur. Was ihr dafür haltet, kommt aus England."

Rubaica Jaliwala ist 31, sie stammt aus einer gut situierten, liberalen muslimischen Familie. Sie hat einen Fremdsprachen studiert und arbeitet bei einer Kulturorganisation, lebt bei ihren Eltern, möchte aber bald ausziehen. "In Indien bleibst du immer die kleine Tochter. Mein Vater ist von meinen Plänen nicht begeistert, denn eine unverheiratete Frau, die auf eigenen Füßen steht, provoziert immer noch Fragen, ob etwas mit ihr nicht stimme…" Vor kurzem hat Rubaicas Bruder geheiratet, eine Frau aus der kleinen, strengen Glaubensgemeinschaft der Jain, und dass die Schwiegertochter aus dem hinduistischen Kulturkreis stammt, war kein Problem. So weit geht es also modern zu. Aber dann zog die Braut, so will es die Tradition, zur Familie des Mannes, und die Wohnung wurde sehr eng. "Bombay hat Immobilienpreise wie London oder New York. Ein kleines Apartment weit im Norden kostet mich etwa 600 Euro, aber unsere Gehälter entsprechen diesen Preisen natürlich nicht."

Auf den Straßen macht der hinduistische Mob mobil

Dabei ist Rubaica froh, dass ihre Eltern nicht einfach einen Ehemann für sie aussuchen, beispielsweise in den endlosen, nach Kaste, Glaube oder Sprachgemeinschaft geordneten Heiratsannoncen der Wochenendzeitungen. "In meinem Freundeskreis weiß kaum jemand, dass ich eine Muslimin bin", sagt Rubaica, "meine Freunde sind Hindus oder Parsen, diese Dinge spielen eigentlich keine Rolle mehr." Aber der 28. Februar 2002 hat die Lage verändert. Nichts ist mehr unbelastet. "Bis voriges Jahr lebte ich selbstverständlich im Gefühl, eine Inderin zu sein, was sonst? Inzwischen stelle ich mir die Frage, ob ich noch dazugehöre." Rubaica möchte in Deutschland weiterstudieren. Auch der Auslandsaufenthalt ist für viele Jüngere eine Möglichkeit, den Spannungen Indiens zu entkommen, wenn auch nur zeitweise – und wenn sie den kosmopolitischen, besser gestellten Schichten Indiens angehören.

Wer ist denn überhaupt ein Inder? Gandhi und Nehru hegten einst große Visionen von einer friedlichen und pluralen indischen Gesellschaft mit gleichberechtigten Religionen, Sprachen, Kasten. Bei allen inneren Konflikten, Indien bleibt mit Japan das einzige asiatische Land, in dem die Idee der Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg Wurzeln schlagen konnte. Die großen Träume von Modernisierung und Angleichung der Lebensverhältnisse sind jedoch ausgeträumt. Indien ist zwar erfolgreich, es freut sich über einen ergiebigen Monsun in diesem Sommer und muss sich von den Kommentatoren der Wirtschaftszeitungen fragen lassen, warum das Wachstum nur 5 statt 8 Prozent betrage. Aber der Boom konzentriert sich auf wenige Regionen und Städte wie Bangalore oder Bombay.