Falludschah

Einen einfachen Iraker kann man selten allein sprechen, besonders wenn es einen Toten zu beklagen gilt. In Falludschah, 60 Kilometer westlich von Bagdad, erschossen US-Soldaten am vergangenen Freitag den Polizisten Sabeh Ali Ibrahim und sieben seiner Kameraden. Die Opfer waren erst kürzlich in den Polizeidienst eingetreten, von ebenjenen Amerikanern in einem Schnellkurs ausgebildet, die später für ihren Tod verantwortlich sein sollten.

Als Erstes spricht Sabehs Vater Mohammed: Mein Sohn hat sich bei der Polizei vor drei Wochen gemeldet, weil er dem neuen Irak dienen wollte, seinem Land…, weiter kommt er nicht, einer von Sabehs Brüdern fällt dem Vater ins Wort: Sie haben ihn umgebracht, einfach umgebracht…, und bevor er weiterreden kann, unterbricht ihn ein anderer Bruder: Sie haben ihm eine Kugel in den Kopf gejagt, mit einer Pistole, aus nächster Nähe… Ein Onkel Sahebs schreit dazwischen: Sie haben ein Dumdumgeschoss verwendet, Sabehs Kopf ist explodiert… Der Vater ergreift wieder das Wort: Es war eine neue Art Munition, die Kugeln waren vergiftet. Dabei steht er von seiner Bank auf, hebt den Fuß, tritt auf den Boden und dreht den Schuh hin und her, als wollte er eine Kakerlake zerquetschen. Genauso, will der Vater sagen, haben sie seinen Sohn umgebracht: wie ein lästiges Insekt.

Je länger das Gespräch dauert, desto grausamer wird die Geschichte. Sie handelt von Hinterlist, Gnadenlosigkeit und Brutalität. Wenn die Familie des Polizisten, erschöpft von ihren Klagen, schweigt, dann ist das Bild fertig; ein Bild, das die amerikanischen Besatzer als Killer zeichnet. Es hilft nichts, darauf hinzuweisen, dass doch die Amerikaner kein Interesse daran hätten, "ihre" Polizisten zu erschießen; zu sagen, dass es wahrscheinlich ein tragischer Unfall gewesen sei. Argumente bleiben eine stumpfe Waffe im Kampf gegen die Verzweiflung der Familie. Der Hass auf die Besatzer lässt sich nicht bremsen.

Aber auch der Hass hat eine Geschichte. In Falludschah trägt er ein Datum, den 18. April 2003. Die Menschen gehen an diesem Tag auf die Straße, um gegen die Besetzung einer Schule durch das amerikanische Militär zu demonstrieren. Sie beanspruchen das Gebäude für sich und ihre Kinder. Die Soldaten schießen in die Menge, 18 Menschen sterben, 66 werden zum Teil schwer verletzt. Später wird behauptet, dass aus der Menge heraus auf die GIs geschossen worden sei; mithin, dass die Soldaten in – wenn auch heftiger – Notwehr gehandelt hätten. Niemals ist geklärt worden, ob das zutrifft. Seit diesem Vorfall sind die Amerikaner nicht mehr sicher in Falludschah – fast täglich stirbt in der Stadt und Umgebung ein Soldat durch einen Sprengsatz, eine Kugel oder eine Rakete. Falludschah ist heute das Herz des Widerstandes gegen die Okkupanten.

Die Voraussetzungen dafür waren gut in der Stadt. In Falludschah leben vor allem Sunniten. Sie hatten im Irak seit seiner Gründung die politische Macht und fürchten jetzt, nach dem Sturz Saddam Husseins, diese an die Schiiten zu verlieren, die bei weitem in der Mehrheit sind. Falludschah ist eine konservative Stadt mit zahlreichen Moscheen und Mullahs, die über großen Einfluss verfügen. So war zum Beispiel Alkohol hier nie öffentlich zu haben. Verständlich also, dass Amerikaner nicht willkommen waren, auch nicht vor dem 18. April. Von den ungläubigen Invasoren erwartet man nichts anderes als den Tod.

Auch die Amerikaner haben begriffen, dass der 18. April eine Wende bedeutete. Sie zogen sich nach und nach an die Grenzen der Stadt zurück, hinter die hohen Mauern eines Militärlagers. Bevor der letzte US-Soldat aus Falludschah verschwand, setzten die Amerikaner noch einen Bürgermeister ein. Er war ein Mann ihres Vertrauens, aber sie hatten für ihren Kandidaten auch die Zustimmung der lokalen Stammesführer und der Mullahs eingeholt. Taher Bedewi sollte fortan Falludschah verwalten, für den Schulbetrieb sorgen, für die Müllentsorgung, für die Wasser- und Stromversorgung. Vor allem aber sollte er die Gemeinde befrieden. Dafür brauchte er Polizisten, und man stellte sie ihm zur Verfügung. Sie sollten eine Art Puffer bilden zwischen den Einwohnern und der US-Armee, und sie sollten den Menschen das Gefühl geben, dass sie ihr Schicksal mit jedem Tag ein Stück mehr selbst bestimmen könnten. Ein Experiment mit Modellcharakter für den Irak.

Der Hass jedoch ebbte nicht ab, US-Soldaten starben weiter, nun an den Stadtgrenzen. Die Angreifer kamen aus dem Inneren des Häusergewirrs, nachdem sie zugeschlagen hatten, verschwanden sie wieder darin, spurlos, unauffindbar. Die Soldaten waren ihres Lebens nicht sicher, und dementsprechend groß war die Angst, die sie schnell schießen ließ.