Als er im vergangenen Jahr sein Testament unterschrieb und das Album The Man Comes Around nannte, sang Johnny Cash mit dem Tod im Duett. Es waren die Risse in dieser Jahrhundert-Stimme, die sein Pathos so menschlich machten. "We’ll meet again…" , schloss der Mann in Schwarz – wie er seit dem Album von 1971 hieß – den grandiosen Zyklus aus eigenen und fremden Geschichten. Es war dieser Klang, der einen lebenslang verfolgte: ein abgrundtiefer Bass, der jede Heimat ersetzte, der, Ton um Ton absteigend, in die Hölle oder Strophe um Strophe in den Himmel führte. Dass dieser drogendünne Country-Sänger 1955 neben Elvis Presley und Jerry Lee Lewis zum Kern der Sun-Records-Revolution zählte und später mit I Walk The Line und Ring Of Fire in den Olymp der ewigen Lieder aufstieg, gehört ebenso zur Geschichte wie die Wiederauferstehung eines Mannes, der Mitte der achtziger Jahre aus dem musikalischen Bewusstsein verschwunden war. 1993 begann er unter der Ägide des Rock-Produzenten Rick Rubin mit der Song-Anthologie American I bis IV; es schien, als hätten sie alle – von Bono über Nick Cave bis Tom Petty – nur für ihn komponiert.

"Hello, I’m Johnny Cash", begrüßte er sein Publikum, und es bedeutete alles: Ich bin euer Mann, ich bin der Outlaw, ich bin der Prediger, ich bin die Stimme, auf die ihr wartet, ihr seid nicht mehr allein. Es schien gleichgültig, was er sang, und oft war es reiner Country-Kitsch, religiös Schwerverdauliches und patriotisch Naives. Doch das Frösteln blieb unausweichlich, die Sympathie unteilbar. Als er seine legendären Auftritte im Gefängnis von San Quentin und im Folsom Prison aufnahm und veröffentlichte, hatte er auch die Außenseiter der Welt auf seiner Seite. Er war Rock ’n’ Roll, er war Punk, er war Grunge – für immer A Boy Named Sue.

Was daneben zu hören war, bereitete dem Publikum mehr Kopfzerbrechen als dem am 26. Februar 1932 in Kingsland, Arkansas, geborenen John R. Cash, der von der Baumwollfarm seines Vaters über Memphis nach Nashville ging. Politisch unberechenbar und inkorrekt wie Elvis Presley, Bob Dylan, Neil Young oder Frank Sinatra, setzte er seine Fans in eine Achterbahn der Gefühle, die nach seinem Eintreten für Nixon und seiner Solidarität mit den Indianern, seinem Flaggen-Patriotismus und dem Engagement für Aids-Opfer oder die Armen schwindlig entließ. Es ist das alte John-Wayne-Syndrom: Man verteidigt die Schwachen, kämpft gegen die Bösen, geht seinen Weg, mit dem Revolver und der Gitarre in der Hand, wenn nötig allein, gegen die ganze Stadt. Diese aufrechte Sturheit ist in der Stimme festgeschrieben, das fuckin’ lässt sich vom Plattenkonzern zwar mit einem Pieps eliminieren, aber nicht unterdrücken.

"Meine Liebe zu Gott, meiner Frau und meiner Musik" – in dieser Reihenfolge schreibt sich Johnny Cash in sein Vermächtnis ein. Wer keine Frau wie die Sängerin June Carter hat, die ihm neun Leben rettete und im Mai dieses Jahres starb, wer auch keinen Gott kennt, dem bleibt nach dem 12. September 2003 diese Stimme.