Wer sehr gut polemisieren kann (und sonst kaum etwas), der wird daran interessiert sein, dass "die Polemik" als eine Kunst durchgeht. Der Begriff "Kunst" erhebt den Polemiker nicht nur in einen höheren Status, er ermöglicht vor allem die Ästhetisierung seiner Argumente: Gleichgültig, ob es stimmt, was er sagt, er hat es so gut formuliert, dass das bloße Rechthaben gegen ihn keine Chance mehr hat. Polemik-Konsumenten sprechen gern von einem großen Genuss, der ihnen mit einer Polemik bereitet wurde, und sie schränken ihre Freude, gegen die sie sich nicht wehren konnten, mit der Überlegung ein, dass das Vergnügen doch "moralisch zweifelhaft" war.

In der beck’schen reihe erschien, herausgegeben von Franco Volpi, unter dem Titel Die Kunst zu beleidigen eine kleine Auswahl der Meisterbeleidigungen, mit denen Arthur Schopenhauer berühmt, beinahe populär geworden ist. Nach meinem Gefühl schwankt der Herausgeber in seinem sonst sehr klugen Vorwort zwischen der Liebe zur klassischen Weisheit und dem Gebot der Stunde, Schopenhauers Texte als Ratgeberliteratur unter die Leute zu bringen: Wie beleidige ich meinen Nächsten?

Ich behaupte, dass man durch die polemische Praxis des Thomas Bernhard heute besonders gut verstehen kann, was für eine Art von Polemiker Schopenhauer war: Er war der harte Knochen, abgehärtet von der Erfolglosigkeit in der äußeren Welt, unendlich gestützt aber durch die Erfolge in der inneren – Schopenhauer war erfüllt vom Gegen-Glück des Geistes, von der Intensität seines philosophischen Innenlebens. Die schmerzhaft empfundene Diskrepanz zwischen seiner inneren Größe und der äußeren Geltung ermöglichten es ihm, im Kampf der Geister schamlos für sich Partei zu nehmen: "Über mich kann man wohl in der Breite, aber nicht in der Tiefe hinaus." Auch diesen Hochmut darf man als Demut vor der eigenen Bedeutung verstehen, die nicht bloß narzisstisch genossen wird, sondern die an die geistigen Leistungen gebunden bleibt, die Schopenhauer der philosophischen Prominenz seiner Zeit (Kant und Hegel) oft schimpfend abspricht.

Thomas Bernhard, durchaus von Schopenhauer lernend, hat dieses Schimpfen und auch seine Grundlage, die vermeintliche oder die wirkliche Genialität, zur Belletristik sublimiert. Eine schriftstellerische Strategie ist dabei, die Verbohrtheit in eine Nebensache durch virtuose Rhetorik als Hauptsache, als idiosynkratische Obsession zu präsentieren. Gewiss war zu Schopenhauers Zeiten der Bart im Männergesicht ein vom Konsens getragenes Rangabzeichen des Patriarchats. Schopenhauer legt sich dagegen mit der Wucht seines gesamten Weltbilds ins Zeug: "Der Bart sollte, als halbe Maske, polizeilich verboten sein. Zudem ist er, als Geschlechtsabzeichen mitten im Gesicht, obszön: daher gefällt er den Weibern."

Einiges von Schopenhauer hat heute selber schon einen Bart. Die (manchmal immerhin ambivalente) Verachtung des Sexus und die eindeutige des anderen Geschlechts können vielleicht über die politische Korrektheit trösten, die sich derzeit in diesen Fragen breit gemacht hat. Der große Philosoph dient aber auch dem ewigen Spießer als Sprachrohr: "Der Koitus ist hauptsächlich die Sache des Mannes; die Schwangerschaft ganz allein des Weibes." Manches bei Schopenhauer ist wie ein Museumsstück, das einen erfreut, weil es auch noch da ist: diese wunderbar belehrende und wortreiche Haltung, mit der Schopenhauer ja nicht immer nach einem polizeilichen Verbot ruft, sondern mit der er auch höchstpersönlich das Abstrafen auf sich nimmt: Philosophaster, Scharlatane, Dummköpfe, Windbeutel!

Dass "die Tiere kein Fabrikat zu unserem Gebrauch" sind, liegt auf einer anderen Ebene. Da hat der Menschenverächter ein humanitäres Engagement. Nietzsche, Meister einer anderen Art von Bosheit, unterstellte Schopenhauer und Voltaire, dass sie ihren "Haß gegen gewisse Dinge und Menschen als Barmherzigkeit gegen Tiere zu verkleiden wußten". Aber ich denke, dass Schopenhauer zu den vielen Anzeichen für die Kläglichkeit des Menschengeschlechts auch die Unfähigkeit zählte, in den Tieren jenes Lebensprinzip wiederzuerkennen, das auch die Menschen atmen lässt.

In Volpis Textsammlung fand ich ein Wort, von dem ich dachte, es sei erst für eine der jüngsten Polemiken erfunden worden. Dass Schopenhauer Journalisten besonders hasste, bedarf keiner Erwähnung. Aber er sagte, alle Zeitungsschreiber seien "Alarmisten"; sie müssten übertreiben und aus jedem Vorfall möglichst viel machen. So zeigt sich, nicht nur Aphoristiker, auch Polemiker schreiben voneinander ab.