Desoxyribonukleinsäure (englisch DNA abgekürzt) heißt der verräterische Stoff, der das menschliche Erbgut ausmacht und der sich in einmaliger und unverwechselbarer Zusammensetzung in jeder Zelle eines Menschen findet. 1998 wurde die DNA-Analyse-Datei beim Bundeskriminalamt eingerichtet, heute sind dort etwa 300000 genetische Datensätze gespeichert, und täglich werden es mehr. Rund 250000 stammen von erfassten Personen, also von Verdächtigen oder verurteilten Straftätern, der Rest besteht aus Spuren von den Tatorten.

1985 hatte der britische Genetiker Alec Jeffreys auf der Suche nach einer Methode zur Früherkennung von Erbkrankheiten einen DNA-Bestandteil entdeckt, der bei jedem Menschen anders aufgebaut ist und wie ein Fingerabdruck jede Person hundertprozentig identifiziert. Außerdem erfand er eine Methode, die DNA-Stränge mit Enzymen zu zerlegen und die markanten Abschnitte sichtbar zu machen. 1987 wurde zum ersten Mal ein Mord mithilfe von Jeffreys Entdeckung aufgeklärt: Durch das erste Massenscreening der Geschichte fing die Polizei im englischen Dörfchen Enderby jenen Mann, der das 15-jährige Mädchen Dawn Ashworth vergewaltigt und getötet hatte.

Inzwischen ist die DNA-Methode um ein Vielfaches verfeinert und vor Gericht zum wichtigsten und validesten Sachbeweis geworden. Deshalb holt man nun alte Asservate, die in den Kellern der Landeskriminalämter, Staatsanwaltschaften oder rechtsmedizinischen Institute lagern, ans Licht und sucht sie nachträglich nach Gen-Spuren ab. Hunderte von Mördern, die glaubten, davongekommen zu sein, werden jetzt von ihren Taten eingeholt.

Als DNA-haltige Spuren gelten so gut wie alle Körpersäfte eines Menschen: Spucke, die an Kaugummis, Zigarettenkippen oder Kaffeetassen haftet, Sperma, Scheidensekrete, Blut. Aber auch Haare, die an Tatorten liegen, Hautpartikel, die sich in weggeworfenen Handschuhen oder unter den Fingernägeln von Toten nachweisen lassen, können Täterspuren sein. Speicheltröpfchen, die in Motorradhelmen kleben, überführen den Räuber, Handschweiß am Lenkrad von Luxuslimousinen den Autodieb.

Im Jahr 2002 wurden in Deutschland mithilfe molekulargenetischer Untersuchungen 66 Morde, 135 Sexualverbrechen, 250 Raubtaten und Erpressungen und über 3000 Eigentumsdelikte polizeilich aufgeklärt. Gerade Fälle, die lange als aussichtslos galten, können die Fahnder nun lösen. Täter gehören nicht selten zu umherziehenden Banden, sind vagabundierende Vergewaltiger oder Verbrecher, die sich ihr Opfer nach dem Zufallsprinzip und ohne nachvollziehbares Motiv herausgreifen.

Aber auch die Verfolgten schicken sich an, auf kriminaltechnische Entwicklungen zu reagieren: Bankräuber setzen sich Masken auf, seit Überwachungskameras installiert sind, Einbrecher ziehen sich Handschuhe an, seit sie wissen, dass ihr Fingerabdruck sie verrät. Um die eigene Gen-Spur zu tilgen, legen Mörder ihre Opfer neuerdings in die Badewanne oder zünden sie an. Auch kommt es vor, dass völlig verstümmelte Frauenleichen gefunden werden, denen die Finger abgehackt und die Vagina herausgeschnitten wurden – das scheinbare Werk von Satanisten stellt sich später als Verdunklungshandlung des Sexualmörders heraus, eigene DNA-Spuren zu tilgen. Sabine Rückert