Dreißig Jahre mussten wir auf diese Rede warten. So lange gibt es diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und China, und so lange haben deutsche Politiker beim Thema Menschenrechte taktiert und laviert. Und nun kommt Johannes Rau in der Abendsonne seiner Präsidentschaft und sagt lauter einfache, richtige Sätze.

"Die Pflege fester wirtschaftlicher Beziehungen und das Eintreten für Menschenrechte schließen sich nicht gegenseitig aus."

"Kritik am Stand der Menschenrechte in anderen Staaten ist (…) keine Einmischung in deren innere Angelegenheiten."

"Man darf das Eintreten für Menschenrechte nicht (…) als ein spezifisch ‚westliches‘ Anliegen" missverstehen.

Der Bundespräsident hat an der Universität Nanjing, die seit 1989 ein Deutsch-Chinesisches Institut für Rechtswissenschaft beherbergt, eine glanzvolle Rede gehalten: klug, mutig, aufrichtig. Klug, weil er die Chinesen bestärkt hat, auf dem noch zaghaft beschrittenen Weg zum Rechtsstaat voranzugehen. Mutig, weil er sich nicht um das Giften rückgratloser Manager geschert hat, die bei jedem offenen Wort um das Geschäft fürchten.

Aufrichtig, weil Rau es nicht bei Prinzipien belassen hat. Er ist konkret geworden, hat die Voraussetzungen für den "aufrechten Gang" des Bürgers beim Namen genannt: Leben und Freiheit, Schutz vor Folter, vor willkürlichem Freiheitsentzug und Diskriminierung.

Endlich einmal kein Sichdrücken und kein Drucksen! Raus Rede war eine Lehrstunde in Sachen Demokratie – und ein Versprechen: "Wir werden immer wieder unsere Stimme erhaben, wenn wir der Meinung sind, dass einzelne Personen oder Minderheiten nicht so behandelt werden, wie es unserem Verständnis von Rechtsstaat und Menschenrechten entspricht." Schneller, als es ihr lieb sein dürfte, wird es Gelegenheit geben, die Bundesregierung an die Worte des Präsidenten zu erinnern.