Monet ist wohl auch nur ein Nike-Turnschuh oder ein Chanel-Kostüm, nur eine Marke unter vielen. Seit kurzem erst hängt eins seiner Bilder bei Harrods im Schaufenster und hilft mit, den Kaufhausgiganten in "die größte Kunstgalerie der Welt" zu verwandeln. Sechs Wochen lang gibt es dort Picasso, Rembrandt und Warhol zu sehen und zu kaufen, insgesamt 700 Künstler werden dargeboten, darunter viele Unbedeutende und Unbekannte, die vom Glanz der Großen angestrahlt und im Wert gesteigert werden sollen. Ein Niemand wie der 27jährige Reuben Colley hängt Seit’ an Seit’ mit dem Monet für 1,15 Millionen Pfund, dem teuersten Produkt, das hier je zu erwerben war. Vor aller Augen unterläuft die Logik des Marktes die kunsthistorischen Hierarchien. Eine Riesenamöbe mitten im verwahrlosten Zentrum Birminghams, das Warenhaus Selfridges, entworfen von Future System

Auch Harrods’ großer Konkurrent, die Kaufhauskette Selfridges, macht seit einiger Zeit in Kunst. Erst ließ man sich von der Fotografin Sam Taylor-Wood die Fassade des Londoner Stammhauses mit einem Riesenbild einwickeln, dann wurden Gemälde aus Japan zwischen die Warenregale gestellt, und seit voriger Woche nun will Selfridges nicht nur Kunst zeigen, es will auch Kunst sein. Eine Skulptur hat man sich bauen lassen, einen wohlgerundeten, nachtblauen Kraftkörper, behängt mit vielen tausend Glitzerscheiben und so groß, dass darin bequem fünf Etagen Platz haben. Eröffnet wurde die Filiale in Birmingham, Englands zweitgrößter Stadt, bislang verschrien als Malochermetropole, zugerichtet von den Betonfantasien der sechziger Jahre.

Bleierne Gleichgültigkeit liegt über den Straßen, kleine Bäume fressen sich in grau-braune Häuserwände, manche Fenster sind zugemauert, Markisen wehen zerfetzt im Wind. Mitten hinein in diese Szenerie der Verzweiflung platzt nun die Riesenamöbe von Selfridges, ein Funkelwesen, das man mit weiten Augen anstiert, weil die Wirklichkeit plötzlich wie ein Film aussieht, in dem lauter irrwitzige Monster herumkrauchen.

Nichts deutet darauf hin, dass sich unter dieser schimmernden Haut ein Kaufhaus verbergen könnte. Es gibt kein flackerndes Neonschild, kein Logo, und selbst auf Schaufenster hat man verzichtet. Das Haus verbirgt sich, gibt sich erhaben distanziert, und jeder, der sich nähert, wird auf sich selbst zurück verwiesen: Er blickt in die Spiegel, die rundum den Sockel umfangen. Wo dann doch einmal ein Fenster die Fassade aufreißt, gibt es nur schwammiges Farblicht zu sehen, künstlerische Installationen hinter Mattglas. Unwillkürlich hält man die Großmolluske für ein Museum. Und das soll man auch.

Munter hinein in den bebenden Mutterleib

Dies Kaufhaus ist nicht zu übersehen und uneinsehbar, es stellt sich stolz ins Zentrum, doch bleibt unantastbar, es biedert sich nicht an, trägt sich nicht zu Markte. Wie eine Geheimniskammer lockt es die Neugierigen, als wäre Einkaufen eine Expedition, die hinausführt aus den Sphären des Bekannten, hinüber ins Reich der Künste.

Also lassen wir uns ansaugen durch die schlundförmigen Türen, gleiten in den mütterlich gerundeten Kaufhausleib und finden uns wieder in großer Unbestimmtheit. So wie draußen, wo die Architektur nicht zwischen Dach und Wand unterscheidet, sondern alles hineinformt in ein waberndes Ganzes, so ist auch im Inneren jede Grenze, jede Ordnung aufgehoben. Statt Regalen, dicht bepackt mit dem immer Gleichen, gibt es kleine Vitrinen, Postamente und Inselchen, auf denen die Kinderschuhe und Wohnzimmerlampen ganz beiläufig arrangiert werden, sodass man meint, sie seien hier zu Hause und müssten gar nicht gekauft werden. Von allem gibt es nur ein einziges Stück, jedes Produkt kommt uns vor wie ein Unikat, auch wenn wir natürlich wissen, dass die Lager gut gefüllt sind.

Hier ist es die Logik der Künste, mit der die Logik des Marktes unterlaufen wird: Die Dinge wirken unverkäuflich, wie in einem Museum, sie brauchen uns nicht, wollen nicht besessen werden, sie genügen sich selbst ganz und gar – und werden gerade dadurch begehrenswert. Nicht Geiz ist hier geil, sondern die verschwenderische Beiläufigkeit, mit der die Produkte auftreten. In Zeiten des Überflusses ist das Kaufhaus nicht mehr der Marktplatz, an dem billig, schnell, rational die Ware umgeschlagen wird. Eher ist es ein Ort des freien Schweifens. Das Kaufen wird nicht länger als etwas Notwendiges und Vernünftiges verstanden, sondern gilt als unsteuerbar – und gerade davon profitiert die Architektur. Sie soll einen unüberbrückbaren Widerspruch überbrücken, soll die heilige Exklusivität der Boutiquen auf Kaufhausmaße hochpumpen, soll uns zum Unüberlegten verführen.