Das Kopftuch, das so viel von sich reden macht, tut es nicht als modisches Requisit. Kopftücher stehen nicht im Ruf, sexy zu sein. Schwer hatte es das proletarische, bestenfalls kleinbürgerliche Kopftuch im Gegensatz zum adeligen oder bürgerlichen Hut von vornherein gehabt. Einen seiner wenigen glamourösen Auftritte gab es in Frühstück bei Tiffany, wo es berückend schön um Audrey Hepburns Kopf und Hals geschlungen lag. Volkstümlicher, aber nicht weniger rasant trugen es die Vespa-Fahrerinnen in den fünfziger Jahren zusammen mit Pfennigabsätzen wie Sophia Loren in den Straßen von Rom. Allerdings hieß diese Kopfbedeckung nicht mehr Kopftuch, sondern hatte einen französischen Namen, Foulard.

Nachdem kein Mensch mehr von Kopftüchern redete, kam es für zwei Jahre zu einer kurzen, wunderbaren Auferstehung des Kopftuchs. Dank der Allbarmherzigkeit der Mode, die sich unfehlbar dessen, was verschmäht wird, annimmt, wurde es der letzte Schrei: Nachdem es jahrzehntelang verlacht war und dann, vergessen in der Mottenkiste, gemodert hatte, entdeckte man es wieder. Für zwei Jahre trugen die Mädchen von Mailand bis New York das Kopftuch der im Untergang begriffenen, heroischen Kolchose-Traktorfahrerin. Es war, wie Heine bemerkt hätte, aus billigem Kattun, vorzugsweise blau oder rot und bedruckt mit Punkten oder Streifen. Doch war das Wiederaufleben von kurzer Dauer. Am Erscheinungsbild der westlichen Frau änderte es nichts Wesentliches.

Aus muslimischer Perspektive sieht es so aus: eine Sonnenbrille ins offene Haar geschoben, geschminkt, mit eng am Körper anliegenden Kleidern. Es ist das Negativ zum Bild der islamischen Frau mit ihren bedeckten Haaren, ungeschminkt, in den Körper verhüllenden Kleidern. Die islamische Frau hält der westlichen den Spiegel ihrer Vergangenheit vor, scheint es. Der Konflikt, der in dieser Konfrontation beschlossen liegt, ist mit Geschichte beladen, von Verleugnung und Verdrängung unterfüttert.

Wie eng Haar und Erotik gekoppelt sind, zeigt sich nicht nur daran, dass islamische Frauen es verhüllen und orthodoxe Jüdinnen es abrasieren, um die Engel nicht in Versuchung zu bringen, während es mit der fortschreitenden Verweltlichung der westlichen Gesellschaften und vollends mit der so genannten sexuellen Revolution immer offener getragen wurde. Eben noch hochgesteckt, geflochten oder zusammengebunden, durften die Haare schließlich auch ganz ungebändigt ihr erotisches Potenzial entfalten. Das offen getragene Haar signalisierte, dass die Frau der Norm der aufgeklärten Moderne entspricht: emanzipiert, und das ist: sexuell aufgeschlossen, selbstbewusst und selbstbestimmt zugleich.

Das europäische Trauma der Religionskriege kehrt zurück

Wie sehr den westlichen Gesellschaften und allen, die ihnen offiziell nacheifern, an diesem Frauenbild liegt und wie grundlegend dieses Bild der Frau für den modernen Staat ist, mag die Unbarmherzigkeit zeigen, in der Reformation und Revolution mit den Nonnen umgegangen sind, die sich, mit verhülltem Körper und Kopf, der Moderne nicht fügten. Denn der Staat hatte, besonders in seinen republikanischen oder protestantischen Ausprägungen, seine liebe Not mit religiösen Frauen und ihren verhüllten Körpern. Er hatte Schwierigkeiten mit der weiblichen Scham, die sofort als ungesunde Prüderie verschrien war. Und um diese ihre Verlegenheit ihrerseits zu verschleiern, unterstellte die moderne Welt grundsätzlich allem, was derart unemanzipiert daherkam, nicht selbstbestimmt, sondern fremdbestimmt und sexuell unterworfen oder beschnitten zu sein.

Der Streit um das Kopftuch der deutschen Staatsbürgerin islamischen Glaubens Fereshta Ludin, Grundschul-Anwärterin für Deutsch und Englisch in Baden-Württemberg, den die höchste richterliche Instanz in Deutschland am 24. September entscheiden will, wird nicht zufällig am Körper einer Frau ausgetragen, und er hat sich nicht von ungefähr an dieser weiblichen Kopfbedeckung entzündet. Ihr Kopftuch ist nicht allein das Emblem der religösen Zugehörigkeit einer landesfremden Religion, es ist die Wiederkehr eines hierzulande abgelegten Kopftuchs mit Vergangenheit.

Der Staat hat in Deutschland eine religiöse Neutralitätspflicht, die a fortiori der Lehrer als Lehr- und Amtsperson im öffentlichen Raum wahren muss. Die Verpflichtung des Beamten für den Staat erklärt die zugespitzte Frage des baden-württembergischen Verfassungsrechtlers Ferdinand Kirchhof: "Trägt in diesem Fall der Staat das Kopftuch?" – eine bei aller Griffigkeit ebenso kurzschlüssige wie symptomatische Formel. Weder ist der Staat schwanger noch trägt er Mini, wenn eine Lehrerin dies ist oder tut. Allerdings ist der Kurzschluss bezeichnend für die Verlegenheit des modernen Staatskörpers mit seinen weiblichen Amtsträgern, die erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts Beamte werden konnten und auch das nur, wenn sie nicht verheiratet waren. Der schwangere Beamtenkörper sorgte noch lange für Unruhe.