Wenigstens eine ordentliche Wachstumszahl konnte die deutsche Kreditkartenbranche für das Jahr 2002 melden: Die Zahl der in Umlauf befindlichen Kreditkarten stieg im Vergleich zum Vorjahr um 8,7 Prozent auf knapp 21 Millionen Stück. Doch mehr gute Nachrichten gab es nicht: Marktführer MasterCard meldete für Deutschland ein stagnierendes Transaktionsvolumen, und trotz eines Marktanteils von 40 Prozent hat die zweitplatzierte Visa-Kartenorganisation bislang in Deutschland weniger Kreditkarten verkauft als in Portugal.

Dass hierzulande nur selten mit Kreditkarte bezahlt wird, liegt daran, dass die meisten Bundesbürger schon eine solche besitzen und fleißig einsetzen – ohne diese jedoch als Kreditkarte wahrzunehmen: Die Rede ist von der EC-Karte, die fast in jedem Portemonnaie zu finden ist. Hier handelt es sich nämlich um eine Bank-Kundenkarte mit integrierter Kreditkartenfunktion der Marke Maestro, weshalb sich problemlos an fremden Geldautomaten in aller Welt Bares beschaffen und in Hunderttausenden Kaufhäusern, Restaurants und Geschäften bezahlen lässt.

Einziger Unterschied: Bei Visa & Co. handelt es sich in aller Regel um so genannte Credit Cards, bei denen die Umsätze auf einem Kartenkonto auflaufen und einmal pro Monat über das Girokonto des Inhabers eingezogen werden. Die EC-Karte ist hingegen eine "Debit Card", bei der jeder Umsatz sofort vom Girokonto abgebucht wird. Offensichtlich ist dem deutschen Verbraucher trotz des geringfügigen Zinsnachteils die sofortige Abrechnung sogar lieber – immerhin bleibt dabei der Überblick über die laufenden Ausgaben erhalten.

Wie groß die Dominanz der Bankkarten beim täglichen Geldausgeben ist, zeigt die Statistik des Hauptverbands des deutschen Einzelhandels (HDE). Während sich im vergangenen Jahr der Umsatzanteil der bargeldlosen Zahlungen per Bankkarte im Vergleich zu 2001 von 21,2 Prozent auf 23,3 Prozent steigerte, dümpelten die Kreditkarten mit einem mageren Plus von 0,3 Prozentpunkten bei 4,8 Prozent vor sich hin.

Was dem Verbraucher recht ist, kann dem Händler nur billig sein, und das durchaus im Wortsinn. "Wenn man die Gebühren betrachtet, ist aus Sicht des Händlers die Bankkarte die günstigere Alternative", sagt Hugo Godschalk, Geschäftsführer der auf die Kreditkartenbranche spezialisierten Unternehmensberatung PaySys. Bei Zahlungen per EC-Bankkarte wird der Händler mit rund 0,3 Prozent vom Umsatz zur Kasse gebeten, ein Zahlungsvorgang über die Kreditkarte kostet im Schnitt 1,5 Prozent. Vor diesem Hintergrund ist der diskrete Hinweis vieler Kassenbediensteter verständlich, dass der geneigte Kunde doch nach Möglichkeit bar oder per Bankkarte bezahlen solle. Manche Einzelhändler verzichten sogar lieber auf ein Geschäft, als Kreditkarten zu akzeptieren.

Die Gebühreneinnahmen bei der Zahlung teilen sich die Kreditkartenorganisationen und die abwickelnden Banken. Folgerichtig wird dort zurzeit an Konzepten gefeilt, um den Kreditkartenumsatz in Fahrt und das Gebührenkarussell in Schwung zu bringen. Eines der Zauberworte heißt "Bonusprogramm" und funktioniert ähnlich wie die gute alte Rabattmarke. So reduziert sich bei vielen Kreditkarten die Jahresgebühr für den Nutzer, wenn hohe Umsätze darüber abgewickelt werden. Andere Herausgeber wie beispielsweise die Sparkassen verteilen bei fleißigem Einsatz Bonusmeilen der Lufthansa. Allerdings: Bis der durchschnittliche MasterCard-Nutzer bei einem Jahresumsatz von 1642 Euro zum lang ersehnten Freiflug abheben darf, ist er womöglich nicht mehr im flugtauglichen Alter.

Dass zumindest die Anzahl der in Umlauf befindlichen Kreditkarten gestiegen ist, verdankt die Branche aber vor allen dem so genannten Co-Branding, bei dem Kredit- und Kundenkarte kombiniert werden. So bieten beispielsweise Lufthansa, das Rabattsystem Payback, der ADAC und Karstadt Visa- oder MasterCard-Kreditkarten als Kundenkarte an – natürlich in Verbindung mit diversen Marketing-Gags wie Bonusmeilen, speziellen Versicherungen oder einem Abo für die Kundenzeitschrift. Auch American Express setzt auf die Kooperation mit großen Marken. Ob Jaguar-Karte für exklusive Individualisten oder World-Wildlife-Fund-Karte mit integrierter Mini-Spende bei jeder Zahlung: Bei jedem Einsatz soll ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem bestimmten Zirkel entstehen.

"Die Anbieter versuchen damit auch, neue Marktsegmente zu besetzen", beobachtet Kartenexperte Godschalk. American-Express-Sprecherin Ursula Hellstern erhebt den Markenmix zum Lifestyle-Cocktail und bekundet: "Mit den Co-Branding-Karten wird die Kreditkarte zum Ausdruck eines Lebensgefühls." Daraus könnte jedoch auch gefolgert werden, dass das Plastikkärtchen nun mit dem Stimulans starker Marken gedopt werden muss, weil es als reines Zahlungsmittel im Wettbewerb mit der EC-Karte nicht mehr mithalten kann.