Zweimal im Jahr, vor den Frühjahrs- und Herbstauktionen, schwärmen die Fachleute der größeren Versteigerungshäuser aus: Expertentage nennen sich die Streifzüge quer durch Europa und die USA, auf denen jedermann Objekte aller Art schätzen lassen kann. Die Expertentage finden in eigenen Repräsentanzen oder Hotels statt, und bei Bedarf transportiert eine Spedition die Objekte gleich gratis ab. Der Kundenservice vor Ort dient der Akquisition hochwertiger Ware und ist auch eine Investition in die Zukunft: Wer das eine oder andere Kunstwerk verkaufen möchte, besitzt vielleicht noch mehr, was sich beizeiten versteigern ließe. Mit Zeitungsannoncen und persönlichen Anschreiben werben die Häuser derzeit wieder für die Einlieferung zu den Herbstauktionen. Viele Kunden wissen recht genau, was sie anzubieten haben, und testen die Preise bei verschiedenen Häusern aus.

Als "Auktion vor der Auktion" und "Hochspielen der Schätzpreise" bemäkelt Henrik Hanstein, der Inhaber des Kölner Kunsthauses Lempertz, die eingebürgerte Praxis. Doch auch er macht mit. Seine 20 Fachleute begeben sich regelmäßig auf die strapaziösen Extratouren, ob nach Mannheim oder Arles, München oder Paris, je nachdem welches Ziel gerade erfolgversprechend erscheint. Meist wird jedoch eine Vorauswahl getroffen, um das Risiko unüberschaubaren Materials in Grenzen zu halten.

Annette Schöningh, Spezialistin für moderne Kunst beim Münchner Auktionshaus Neumeister, klappert von Düsseldorf aus das Rheinland ab: "Dass man auf diesen Suchtrips auf ein bedeutendes Gemälde von Kandinsky trifft, ist eher die Ausnahme." Aber sie ist schon einmal auf eine außergewöhnlich schöne Römerin des Münchner Symbolisten Franz von Stuck gestoßen. Ihrer Kollegin Bärbel Wauer, zuständig für Jugendstil, wurde in Berlin ein 68-teiliges Meissener Speiseservice nach einem Entwurf von Konrad Hentschel aus dem Jahr 1896 angeboten. Das aus einem Privathaus in den neuen Bundesländern stammende Speisegeschirr brachte im Jahr 2000 immerhin 30000 Mark. Bei der bevorstehenden Auktion im November kommt die weibliche Bronzefigur Crest in wave (1924) von Harriet Frishmuth für geschätzte 25000 Euro zum Aufruf. Die Skulptur der Amerikanerin, die unter anderem bei Auguste Rodin in Paris studiert hatte, wurde ebenfalls über das Berliner Büro akquiriert.

Christie’s beschäftigt rund tausend Spezialisten, die weltweit und ganzjährig nach Objekten fahnden, nicht nur nach Gemälden und Skulpturen, Kunstgewerbe und Möbeln, sondern auch nach Plakaten, Wein, Memorabilien von Prominenten, alten Autos und Schmuck. Auch dieses Haus stößt immer wieder auf einen unerwarteten Fund. So fand sich in Bordeaux eine silberne Suppenterrine in Form einer Schildkröte (um 1750), die 1997 mehr als 800000 Pfund einbrachte.

Über eine ähnliche Personalstärke verfügt nur noch die Nummer zwei im Auktionsgeschäft, Sotheby’s. Aber Mobilität trägt auch mit kleinerer Mannschaft Früchte. Das Wiener Dorotheum hat nach der Veräußerung seiner Wiener Innenstadtimmobilie in Repräsentanzen in Düsseldorf und München investiert. Darüber hinaus logieren seine Experten viermal im Jahr in edlen Hotels in Hamburg, Berlin und Bozen, um Angebote zu begutachten. Ihre Kenntnisse reichen von der Klassischen Moderne über asiatische Kunst und dekorativer Grafik bis hin zu Münzen und Briefmarken. Zu den Funden dieser Aktivitäten gehört derzeit eine Flandrische Flusslandschaft mit Bauernhaus, Hirten und Herde von David Teniers dem Jüngeren (1610 bis 1690). Sie kommt am 1. Oktober in Wien zu Versteigerung, geschätzt auf rund 25000 Euro. Ebenfalls in Wien wird am 10. November eine Nürnberger Meistergeige (1783) für 15000 Euro aufgerufen.

Nicht alle Häuser unterwerfen sich der Prozedur des flächendeckenden Landgangs auf der Suche nach Trouvaillen. Die Berliner Villa Grisebach etwa setzt auf die kontinuierliche Kontaktpflege mit Kunstbesitzern von Israel bis zum Ruhrgebiet. Micaela Kapitzky: "Wir halten es für sinnvoller, sehr gezielt für unsere Kunden zu reisen, und setzen über das ganze Jahr auf individuelle Betreuung." Einmal habe das Haus einen Expertentag für die Fotografie anberaumt, der aber nicht den erwünschten Erfolg gebracht habe.

Schaut man in den rund 600 Seiten umfassenden Katalog der kommenden Auktion von Schloss Ahlden, so fragt man sich, wie dort die Akquisition zustande kommt. Auch Florian Seidel, der Hausherr von Schloss Ahlden, schickt seine angestellten Kunsthistoriker nicht auf Reisen. Er profitiert von kompletten Nachlässen, die ihm laufend angeboten werden.