Dies ist ein Buch, aus dem die geburtenstarken Jahrgänge, die Post-68er also, etwas über sich lernen können, auch wenn sie der Ansicht sind, es sei schon alles gesagt, weil es so wenig über sie zu sagen gibt. Die Autorin ist Jahrgang 1962. Sie findet ihre Generationsgenossen "langweilig": Früher habe es diesen prätentiösen Anspruch auf Anderssein und Verweigerung, insbesondere gegenüber der Konsumwelt, gegeben. Aber heute, da diese Alterskohorte auf eigenen Füßen steht, was sie noch immer kaum glauben kann, gut Geld verdient und zweimal pro Jahr in Urlaub fährt, sei der Furor der Differenzmarkierungen allmählich verläppert. Es ist langweilig, an der alten Anti-Attitüde festzuhalten – aber sich angepasst zu haben ist genauso öde.

Iris Hanika liebt es, auf solche Ausweglosigkeiten hinzuweisen, im täglichen Leben, in der Liebe, in der Haltung zu Politik, zur Geschichte, zu sich und zum eigenen Körper. Die Generation, die sie mit einer gewissen bittersüßen Passion beobachtet, musste keine Naziväter mehr abräumen, sie musste sich auch nicht sexuell befreien und sich auch nicht das Dumpfdeutsche austreiben. Im Wesentlichen war alles in Ordnung, als sie heranwuchs. Ihre Schwierigkeit besteht heute darin, im Angesicht von unguten Alternativen ein anständiges Leben zu führen, eines, das man vor sich rechtfertigen kann. Manchmal gelingt das, zuweilen nicht.

Kreuzberger Völkerkunde

Man erwarte von der Autorin keine Gerechtigkeit in der Beurteilung all der komplizierten, teils griesgrämigen, teils enthusiasmierten Bastelarbeiten des Lebens seit den achtziger Jahren. Auch sie ist letzten Endes mit sich unvertraut. Obgleich ihr Buch ein geradezu unverzichtbares Brevier für die Forty-Somethings ist, kann der Leser nicht auf praktische Wahrheiten hoffen. Dies ist auch kein "Generationen-Buch". Es herrscht keine retrospektive Heiterkeit, Identifikationsangebote werden schon gar nicht unterbreitet. "Wir vögeln immer gegen Auschwitz", heißt es plötzlich an einer Stelle, und diese Einsicht, Lebensglück könne nur in der historisch-moralischen Verschattung genossen werden, trifft zu, ist aber weiß Gott kein Anlass zur Selbstromantisierung.

Die geburtenstarken Jahrgänge prägen inzwischen das Land: Sie sind die statistische, nicht die Neue Mitte. Diese Generation hat keine mächtigen Feinde, sondern starke Aufträge geerbt, Holocaust, Geschlechterverhältnisse, Ökologie, globale Gerechtigkeit. Nachdem die Revolution ausgefallen war, bestand ihre Mission darin, die Welt durch diskursive Praktiken zu verbessern. Irgendwann jedoch – ab wann eigentlich? – nutzte sie die Kraft des besseren Arguments nur noch für die eigenen Zwecke, das Reden verkümmerte zum Therapiegespräch, die weltumspannenden Netzwerkbildungen im Zeichen des Guten zu Glasperlenspielen mit Sozialprestige. Von der Utopie ist nur eine diffuse Sehnsucht nach Überschreitung, womöglich auch nur nach Entkommen geblieben: "Weiße Sonne, kleines rundes Loch im grauen Himmel, weiße Sonne mit dunklem Wolkenhütchen (das schnell weiterzieht), weiße Sonne mit giftigem Hof um dich herum, weiße Sonne, wie springe ich durch das Loch im grauen Himmel?"

Verstreute Tagebuchnotate, Reflexionen, Aphorismen, gelegentlich auch Flanerien sind es, in die Iris Hanika ihre Observationen münden lässt. Chronik lautet der Untertitel, aber hier bewegt sich nichts mehr; die Zeit steht. Berlin-Kreuzberg ist Hanikas bevorzugtes Revier, der Sehnsuchtsort der Post-68er, der verlässlich brodelnde Vulkan der Individualisierung. Heute ist Kreuzberg ein erstarrtes Lavafeld. Auf ihm sind die Eruptionen von ehedem allenfalls noch zu erahnen, durch hinsehen und lauschen, nachzuzeichnen anhand der krausen Rituale der Alternativszene oder der Gentrifizierten, der Gesten und Floskeln alt gewordener Virtuosen der Differenz.

Kreuzberg ist ein ergiebiger Ort für Hanikas dezente literarische Ethnologie. Vieles scheint dort überhaupt nur in Erwartung einer dichten Beschreibung zu geschehen. Nicht dass die Autorin ihre Generation "porträtierte", typisch ist vielmehr ihr Blickwinkel, ihre unmerkliche, beinahe schon habituell gewordene Neigung zum Dekonstruieren, dieses trainierte Gespür fürs Verlogene in den alten und neuen Illusionsbildungen – ohne jedoch die alten Hoffnungen zu vergessen oder zu denunzieren.

So scheint Älterwerden in den letzten Jahren auf eine erträgliche, durchaus kommode Depression zugelaufen zu sein. Die Frauen, die in sämtlichen Reflexionsschleifen des weiblichen Diskurses bewandert sind, die den Blödsinn des Feminismus und des Postfeminismus hinter sich gebracht haben, die Geld verdienen, schön und selbstbewusst sind, heute fühlen sie sich allein. Einfach, weil die Spannung zwischen den Geschlechtern ausleierte. Keine erotischen Scharmützel mehr: "Wir einsamen Frauen sind von diesem Krieg ausgeschlossen, das ist es, was uns kränkt… Uns fehlt nichts als der Krieg. Für uns herrscht ewiger Friede. Ewige Langeweile." Männer wollen Väter sein oder Jungs bleiben. Es gibt keine verlässlichen Verständigungsschemata mehr, denn die verlässlichen Kommunikationsverzerrungen haben sich auch erledigt.