Geschichten, in denen Kleidungsstücke oder Stoffe (wie Gogols Mantel und dessen Adaptionen) eine Rolle spielen, machen hellhörig. Man vermutet, dass sie auf dem Umweg der Allegorie eine Aussage treffen über ihr Verhältnis zum eigenen, zum Erzählstoff – oder über dessen Charakter. Ein besonders merkwürdiger Stofffetzen taucht im Werk Uwe Timms gleich zweimal auf, in der Novelle Die Entdeckung der Currywurst, 1993, und jetzt, in seinem neuen Buch Am Beispiel meines Bruders. Es ist ein brennender, durch die Luft tanzender Gardinenfitzel, der rätselhaft wirkt, weil es aussieht, als gäbe es nur die Flamme, nicht das von ihr verzehrte Material.

Es ist leicht zu verstehen, was Uwe Timm an diesem Bild brennender Luft, das er als kleiner Junge im bombardierten Hamburg sah, bis heute beeindruckt: die schiere Irrealität. Und es ist nicht viel schwerer, sich vorzustellen, wie sie sich im Kopf des Jungen mit einer Gestalt verknüpfte, die im Leben wie in der Literaturgeschichte prädestiniert ist, Gefühle der Unheimlichkeit auszulösen: dem unsichtbaren Doppelgänger. In Timms Fall ist dies der eigene, sechzehn Jahre ältere Bruder Karl Heinz Timm, geboren 1924, gestorben 1943. Er fiel im Zweiten Weltkrieg in der Ukraine, als Uwe Timm gerade drei Jahre alt war. Ein Bruder, den er nie wirklich kennen gelernt hat, von dem es kein Grab und außer einer Hand voll Briefe, einem flüchtig hingeschmierten Fronttagebuch keine Hinterlassenschaft, kein Material gibt. Und der dennoch, als untoter Geist der Familie, immer anwesend blieb, in jedem Seufzer der Eltern, auch nach Jahren noch, bei jedem Spaziergang der Familie Timm und indirekt in jeder Überlegung Uwe Timms zur eigenen Person, denn sie impliziert die Frage: Bin ich anders, als er war oder geworden wäre?

Vielleicht hat es gerade die ästhetische Anstrengung, die für den Autor in dem Paradox gelegen haben muss, ein so stoffarmes Leben wie das des Bruders zum Stoff eines Buches zu machen, mit sich gebracht, dass ihm die Lösung des zweiten Widerspruchs, der dem Buch auf der Stirn geschrieben steht, so natürlich von der Hand ging. Denn es handelt sich bei dem Text um nichts anderes als die Trauerrede eines überzeugten Linken auf einen überzeugten Soldaten der Waffen-SS.

Im Dezember 1942 meldete sich Karl Heinz Timm, blond, blauäugig, 1,85 Meter groß, freiwillig und wird mit 18 Jahren Panzerpionier der SS-Totenkopfdivision. Er stirbt am 16. Oktober 1943 in einem ukrainischen Lazarett an den Folgen einer schweren Verwundung, vier Wochen nach der Amputation beider Beine. An seine Eltern kommt ein Pappkästchen zurück, Kamm, Zahnpastatube, Orden, Briefe enthaltend und das Tagebuch, das der Bruder unerlaubt geführt haben muss; zumal bei der SS war das Tagebuchschreiben an der Front verboten.

Es sind in Kursivschrift von Uwe Timm zitierte quälende Sätze unter den telegrammhaft kurzen Notizen. Von "Beute", gemeint sind getötete russische Soldaten, ist die Rede, und an einer Schlüsselstelle, auf die Timm mehrmals zurückkommt, von einer, aus professionellem Stolz hervorgehenden Befriedigung des Tötens: "März 21 Donez. 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG." Uwe Timm graust vor diesem Bruder. "Das war die Stelle, bei der ich, stieß ich früher darauf – sie sprang mir oben links auf der Seite regelrecht ins Auge –, nicht weiterlas, sondern das Heft wegschloß. Und erst mit dem Entschluß, über den Bruder, also auch über mich, zu schreiben, war ich befreit, dem dort FESTGESCHRIEBENEN nachzugehen." Und er verurteilt ihn. Der Bruder mag in der Jungschar, in der HJ, von einem Vater, der ihn von klein auf fürs Nieweinen pries, erzogen worden, von der präpotenten Wichtigtuerei 19-Jähriger besonders befallen gewesen sein. Aber er war alt genug, eine Entscheidung zu treffen zwischen tödlich genauem und irgendwie leicht daneben Zielen.

Uwe Timm schränkt diese moralische Wahrheit nicht ein. Nur: Er isoliert sie nicht. Er integriert sie in die Geschichte der Trauer, der eigenen neidvollen Konkurrenz, der Geschichte seiner etwas übertriebenen Mutterliebe, und er verbindet sie mit der Parvenügeschichte seines Vaters, der von Natur aus einem Mann von Welt so stark glich, dass er anfing, sich für einen solchen zu halten und den Halt verlor, als das Pelz- und Kürschnergeschäft nach dem ersten Hoch des Wirtschaftswunders dem Bankrott entgegenschlich. Nicht zu vergessen: die Geschichte der zu kurz gekommenen Schwester, der dritten im Geschwisterbund in der Rolle der ewigen Tochter, der nichts glückt im Leben.

So entsteht, betrachtet man nur die narrative Oberfläche des Textes, die nicht untypische Kriegs- und Nachkriegserzählung einer Hamburger Familie, gestaltet in einer fragmentarischen, sentenzhaften Form aus Episoden, Reflexionen, Zitaten, Geschichtsbetrachtungen. Ein schmales Prosawerk, eine Miniatur, konstruiert nach dem Prinzip einer elliptischen Addition, deren Ganzes die Summe der Splitter und Teile unangestrengt übertrifft.

Darunter, unter der äußeren Organisation des Familienbildes, vollzieht sich noch etwas anderes. Man könnte es eine Gespenstervertreibung nennen. Uwe Timm befreit den Bruder Seite um Seite aus der Aura des Unheimlichen, Irrealen. Das gelingt, indem er das verkürzte Leben des Bruders mit dem Bericht der eigenen Biografie verspiegelt und so mit Realität versorgt. Er zerrt den SS-Soldaten mitsamt seinem ambivalenten Tagebuch nicht zur allgemeinen Bestaunung auf die Bühne. Er setzt ihn ins Parkett der deutschen Gesellschaft des 20.Jahrhunderts und sich daneben. Er ist nicht der Antipode der Geschichte, die er berichtet, sondern ihr Teilnehmer in der Funktion eines nachdenkenden, nachforschenden Chronisten.