Die Stammzelle gilt als Alleskönner. Mit ihrer Hilfe sollen sich Hirne, wie in einem Jungbrunnen, nach dem Schlag regenerieren, zerstörte Knorpel nachwachsen, und abgestorbenes Herzgewebe wird repariert. Stammzellen haben, dank ihrer Fähigkeit, sich in jeden beliebigen Zelltyp zu verwandeln, das Zeug zum umfassenden Restaurator. Seit ein paar Jahren gelten sie als potenzielles Universalheilmittel, um alle möglichen Körpergewebe wieder instand zu setzen.

Doch der vielversprechende Rohstoff aus dem Körper ist ebenso begehrt wie umstritten. Monatelang zankten sich vergangenes Jahr Ethiker, Kliniker und Grundlagenforscher in Deutschland um die Frage, woher Stammzellen zu beziehen seien. Darf man sie aus Embryonen gewinnen? Oder reichen als Therapeutikum nicht auch die etwas weniger potenten adulten Stammzellen aus, die man dem Patienten selbst entnimmt?

Nach langem Schlagabtausch und einer Bundestagsdebatte, in der die Positionen durch alle Parteien gingen, setzten sich am Ende die Embryonalzellverfechter mit ihrem Anliegen durch: Zum 1. Juli 2002 trat das Stammzellimportgesetz in Kraft, fortan war die Einfuhr von embryonalen Stammzellen nach Deutschland zu Forschungszwecken unter strengen Auflagen erlaubt.

Mittlerweile haben sich die Forscher in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite versuchen Grundlagenforscher wie der Neuropathologe Oliver Brüstle von der Universität Bonn oder der Neurophysiologe Jürgen Hescheler von der Universität Köln das Potenzial der Zellen im Labor zu ergründen. Sie favorisieren das embryonale Material, weil in diesem noch die Option für alle 200 Gewebearten des menschlichen Körpers steckt.

Auf der anderen Seite aber therapieren schon heute Klinikärzte die ersten Patienten mit adulten Stammzellen. Pragmatiker wie der Herzchirurg Gustav Steinhoff in Rostock, die Kardiologen Andreas Zeiher in Frankfurt und Bodo-Eckehard Strauer in Düsseldorf behandeln Herzinfarkte mit Stammzellen aus dem Knochenmark. Das Material ist leichter zugänglich, und die Mediziner müssen sich nicht aufs ethische Glatteis der Embryonenforschung begeben.

"Wenn jetzt ein Patient stirbt, dann ist meine Forschung tot"

Damit zieht ein neuer Konflikt auf – diesmal innerhalb der Wissenschaft selbst. Während die Kliniker auf schnellen therapeutischen Einsatz der adulten Zellen drängen, warnt die Embryonalzellfraktion vor tödlichen Nebenwirkungen solcher Versuche und fordert gründlichere Vorstudien. Beim europäischen Kardiologiekongress in Wien geißelte Jürgen Hescheler, der selbst embryonale Stammzellen erforscht, das Vorpreschen der Gegenseite. "Von so frühen klinischen Studien halte ich überhaupt nichts", sagte der Physiologe, "man kann wirklich von Glück sagen, dass da noch nichts passiert ist."

Die Retourkutsche der Kardiologen kam prompt. Praktiker wie Bodo-Eckehard Strauer halten nämlich wiederum die Therapie mit embryonalen Stammzellen für "ethisch nicht vertretbar". Der Herr Hescheler solle erst mal seine Arbeit in einem Fachjournal publizieren, und außerdem müsse man dem Patienten schon jetzt eine Therapiemöglichkeit anbieten.